Errettet aus des Teufels Küche

                    (von Heinrich erlebt und niedergeschrieben)

 

 

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Die Geschichte "Im Banne des Bösen" hat es wirklich in sich. Und das Beste daran ist, dass sie wahr ist. Das Leben kann manchmal "phantastischer" sein als jeder erdachte Roman!
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Nun aber zur Geschichte:

    

Errettet aus des Teufels Küche

                                           (ausführliche Version)

 

 

Vorwort des Autors

 

Mephisto: „Was wettet ihr? Den (Faust) sollt ihr noch verlieren, wenn Ihr
mir die Erlaubnis gebt, ihn meine Straße sacht herab zu führen“
Herr: „Nun gut, er sei Dir überlassen! Zieh diesen Geist von seinem
Urquell ab, und führ ihn, kannst Du ihn erfassen, auf deinem Wege mit
herab. Und steh beschämt, wenn Du bekennen musst. Ein guter Mensch
in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl
bewusst.“
(aus Goethes Faust – Prolog im Himmel)

 

Der moderne und aufgeklärte Mensch von heute mag über die Vorstellung lächeln, dass Gott und der Teufel sich um das Seelenheil eines Menschen streiten könnten. Gilt doch für viele mittlerweile die Existenz Gottes und des Teufels als ein eher lächerlicher Aberglaube,der mit der Realität des Lebens herzlich wenig zu tun hat.
    Vermutlich würde ich dies ganz genauso sehen, wenn ich nicht jene Erfahrungen der nachfolgenden Geschichte gemacht hätte. Sie haben mir die Augen geöffnet und mich eines Richtigeren belehrt. So wie Mephisto tatsächlich den Faust zu „fassen“ bekam und ihn „sachte die Straße herab führte“, so geriet ich auf einen gefährlichen Irrweg und machte Erfahrungen mit der dunklen Seite der Macht, die man besser
nicht machen sollte.
    Als dann im Juni des Jahres 1985 von einem auf den anderen Moment in meinem Leben die Hölle losbrach, geriet ich an einen Punkt, wo ich wirklich nicht mehr weiter wusste und sogar um mein Leben zu fürchten begann. In diesem Moment griff eine mir wohlgesonnene höhere Macht völlig unerwartet in die Situation ein!

 

Ich wünsche beim Lesen dieser im zweiten Teil äußerst dramatischen Geschichte einen persönlichen Gewinn. Sie ist ein - meiner Überzeugung nach -  ein Zeugnis des üblen  Wirkens Satans und seiner dienstbaren Geister in dieser Welt, aber eben
auch der überraschenden rettenden Gnade Gottes. Eine wirklich außergewöhnliche Geschichte!

 

 

 

 

1. Die Suche

 

Prolog

 

 

"Heiner, kommst du mal!?" Ich blickte von meinen Murmeln auf und sah Onkel Willi im Eingang des alten Bauernhauses stehen. Mit einer einladenden Armbewegung winkte er mich herbei. "Kommst Du!?" hörte ich seine vertraute Stimme erneut rufen. Ich sprang auf und lief, von einem Bein auf das andere hüpfend, zu ihm hin. 

      „Komm schnell rein!“ sagte er, „Tante Maria hat einen leckeren Kuchen gebacken!“ „Au ja!“, rief ich begeistert und rannte an ihm vorbei durch die lange Diele direkt in die Küche. Frischer Backduft strömte mir entgegen.

    "Ah, da bist du ja!“, sagte Tante Maria, als sie mich erblickte: „Es gibt leckeren Erdbeerkuchen! Den magst du doch so gerne! Komm, setz dich auf deinen Platz! Ich koche dir eben noch einen Kakao!“ Rasch kletterte ich auf meinen Holzstuhl und wartete still vergnügt bis die Tante tatsächlich Kakao und Kuchen vor mir abstellte. Sie lächelte mich an: „So, nun lass es dir schmecken!“

 

Es waren jene ersten Schulferien auf dem Lande bei Onkel Willi und Tante Maria, die in meiner Erinnerung mit dem Etikett „wunschlos glücklich“ versehen sind. Und in mir die Sehnsucht nach einem solch dauerhaftem wunschlosen Glückszustand geweckt hatte.

 

Ein Monat mit Hermann Hesse

 

Etwa zwanzig Jahre später, Ende 1984, hätte der Unterschied zum Glück jener Kindertage nicht krasser sein können. Ich war ein ganz normaler Student ohne große materielle Sorgen und mit sehr viel freier Zeit. Dennoch fühlte ich mich leer und ausgebrannt und war regelrecht unglücklich. Etwas schien zu fehlen. Aber was genau war es? Ich hätte es nicht sagen können. Wenn es so etwas wie Glück immer noch gab für mich gab, dann hielt es sich ganz woanders auf.

     Letztlich kam ich an einen Punkt, wo ich mir eingestand: Ich kann so nicht weitermachen. Es muss sich etwas in meinem Leben ändern!  Und so nahm ich mir zu Beginn des Jahres 1985 eine Auszeit, um einmal gründlich über mich und das Leben an sich nachdenken. Vielleicht würde ich ja Möglichkeiten für eine bessere Zukunft entdecken.Schließlich bin ich erst 27 Jahre alt und noch jung genug, um mein Glück im Leben finden zu können, lautete meine Hoffnung.

 

Damals wohnte ich in einer kleinen, möblierten Wohnung am Stadtrand von Düsseldorf. Im Hause lebten ansonsten im Erdgeschoss nur noch meine Vermieter ein liebenswürdiges älteres Ehepaar, die mich gelegentlich mal zu Kaffee und Kuchen einluden.

   Als ich am Neujahrsmorgen, dem ersten Tag meiner Auszeit von meinem Küchenfenster aus in den riesigen Garten meiner Vermieter schaute, dachte ich: Wie kahl und leblos alles aussieht! ….Irgendwann wird es auch in deinem Leben “Winter” werden. Und dann der Tod kommen!  Und auf einmal stand mir eine Frage klar vor Augen Macht das Leben überhaupt einen Sinn?

 

Das Zurückziehen in die eigenen Wände für einen längeren Zeitraum ist keine einfache Sache. Ohne eine gewisse Tagesstruktur kann man schnell ins Grübeln geraten und möglicherweise in einer Depression enden. Um dem vorzubeugen beschloss ich, die meiste Zeit des Tages lesend zu verbringen.

     Seit meiner Jugendzeit besaß ich eine Gesamtausgabe von Hermann Hesse, in der ich aber nur sporadisch gelesen hatte. Eigentlich ist das doch die Gelegenheit, sie einmal ganz durchzulesen.Vielleicht erhalte ich ja einige Impulse für ein glücklicheres Leben, ermutigte ich mich und griff mir einen Band heraus. Meist las ich  den ganzen Vormittag hindurch, machte dann einen Spaziergang in der näheren Umgebung und las dann weiter bis zum frühen Abend.

     Die restlichen Stunden des Tages versuchte ich zu entspannen und über mich und das Leben nachzudenken. Gelegentlich wanderten dabei meine Gedanken zurück in die Kindheit. Die Zeit zwischen meinem dritten und siebten Lebensjahr war die glücklichste meines Lebens gewesen. Vielleicht lag hier ja auch der Schlüssel für mein zukünftiges Glück!?

 

In jenen Jahren hatte ich – zusammen mit meiner Mutter – bei meinen Großeltern in einer kleinen dörflichen Wohnsiedlung gelebt und mich sehr geborgen und behütet gefühlt. Gleichzeitig gab es jede Menge Spielkameraden und Spielmöglichkeiten. Ich vermisste nichts!

     Das Ende meiner glücklichen Kindheit kam dann schnell und überraschend. Meine Mutter hatte erneut geheiratet und verbrachte mit ihrem neuen Lebensgefährten die Flitterwochen in Südfrankreich. Während dieser Zeit, es waren auch gleichzeitig meine ersten großen Schulferien, wurde ich „Onkel Willi“ und „Tante Maria“ untergebracht. Es was so als wollte das Schicksal noch einmal in besonderer Weise das Füllhorn des Glücks über mich ausgießen.

    Denn dieses natürliche Landleben in Verbindung mit der liebevollen Art der Verwandten erzeugten bei mir einen Glückszustand, den man vielleicht als „paradiesisch“ bezeichnen könnte. Diese Wochen waren mein ganz persönlicher Paradiesaufenthalt!   

    Doch dann kam jener Tag, an dem mich meine Mutter und mein neuer Vater mich abholen kamen. Es war für mich wie ein Schock gewesen. Ich hatte die Wirklichkeit außerhalb meines „Paradieses“ komplett vergessen gehabt. Und als der Wagen meines Stiefvaters den Bauernhof verließ und die winkenden, liebgewonnenen Verwandten aus dem Blickfeld gerieten, begann ich zu ahnen, dass ich nie wieder so glücklich sein würde. Und ich sollte Recht behalten!

 

Das Schwelgen in diesen Erinnerungen tat mir nicht wirklich gut. Führte es mir doch deutlich vor Augen, wieweit ich von jenen glücklichen Zeiten entfernt war. Und wartete irgendwo in der Zukunft noch ein neues Glück auf mich? Und wenn ja, wo sollte ich danach suchen?

     Die Bücher von Hesse brachten mich da nicht viel weiter. Seine Botschaft schien ungefähr so zu lauten:Erwarte nicht zu viel vom Leben. Sei bescheiden, beherrsche deine Wünsche und Sehnsüchte, und führe ein mehr oder weniger maßvolles, asketisches Leben! Dann wirst du vielleicht eines Tages ein einigermaßen zufriedener Mensch werden! Ein asketisches Leben führen mit der Hoffnung auf ein wenig Zufriedenheit ? Das war mir als „Glücksversprechen“ einfach zu wenig! Ich wollte ein erfülltes und glückliches Leben!

     Gleichzeitig nagte aber doch der Zweifel an mir. Vielleicht hatte Hesse ja recht und meine Suche würde vergebens sein.Vergebens? Ein Leben ohne Glück? Der Gedanke war mir schwer erträglich.Ich muss es versuchen! befahl ich mirselber.Selbst auf die Gefahr hin, dass ich das Glück niemals finden werde. Aber dann habe ich es wenigstens versucht!

 

Nach etwa vier Wochen beendete ich meine Auszeit. Sie hatte zwar nicht zu keinem Ergebnis geführt, aber mir doch klar gemacht, dass ich mich nicht mit einem normalen, langweiligen Leben zufrieden geben wollte.Ich werde mich jetzt neu ins Leben verstricken und vielleicht kommt mir ja der Zufall zu Hilfe! machte ich mir ein wenig Mut

 

 

                 

Eine überraschende Begegnung

 

Jetzt im Winter war es draußen oft grau, nass und kalt. Deshalb entschied ich mich eines Tages mein Fahrrad zuhause stehen zu lassen und mit dem Bus zu fahren. An der Bushaltestelle stellte ich fest, dass der Bus gerade weg war und so entschloss ich mich bis zur nächsten Haltestelle vorzugehen.

   Etwa auf der Hälfte der Strecke kam ich kam ich an einem kleinen "Hexenhäuschen" vorbei, welches mir schon einige Male im Vorbeifahren aufgefallen war. Mein Blick fiel mehr oder weniger zufällig auf das am Gartentor angebrachte Namensschild. Zu meiner Überraschung las ich da:M. Bolte.

    Unwillkürlich stoppte ich und schaute zu dem kleinen Häuschen hinüber. Ich kannte einen Michael Bolte. Einige Jahre zuvor hatten wir an Uni-meisterschaft im Schach im Schach teilgenommen und uns etwas näher kennengelernt. Uns danach aber aus den Augen Verloren. War es möglich, dass er tatsächlich hier ganz in meiner Nähe wohnte?

    Einen Moment lang war ich versucht, es direkt herauszufinden. Dann aber drückte ich den Klingelknopf doch nicht. Mir war plötzlich eine Begebenheit aus einem der Hessebücher eingefallen, wo von einer schicksalhaftenBegegnung die Rede gewesen war. Genau, dachte ich, soll das Schicksal es entscheiden! Wenn er hier wohnt und wir uns begegnen sollen, so wird dies auch geschehen!  Ich blickte noch einmal zu dem ruhig daliegenden "Hexenhäuschen" hinüber und nahm dann wieder meinen Fußmarsch auf.

 

Vielleicht eine Woche später war ich wieder mit dem Bus in die Stadt unterwegs.  Ich hatte mich ganz nach vorne gesetzt und blickte dösend aus dem Fenster. An der nächsten Bushaltestelle stieg ein junger Mann ein, in der rechten Hand das Hinterrad eines Fahrrades tragend.

    Als er bei mir vorbeikam blickte ich beiläufig in sein Gesicht. Im nächsten Augenblick schoss es mir durch den Kopf:War er das? War das der Michael? Ich war mir nicht ganz sicher, denn seit unserer letzten Begegnung waren einige Jahre vergangen.

   Ich überlegte kurz, dann stand ich auf und ging nach hinten durch. Als ich schon recht nahe bei dem Mann war, schaute er mich plötzlich erstaunt an. Für einen Moment schien er zu rätseln, dann glitt ein Lächeln über sein Gesicht: "Heiner?" Ich nickte und setzte mich neben ihm.

 

Innerhalb der nächsten zwei Minuten wurde klar, dass er seit über zwei Jahren in einem Teil des kleinen "Hexenhäuschen" wohnte. „Das ist erstaunlich!", sagte ich. "Wir haben also ein halbes Jahr lang so nahe beieinander gewohnt und sind uns noch nie begegnet!" „Eigentlich nicht so erstaunlich“, entgegnete er. "Ich bin die meiste Zeit zuhause und ansonsten meist mit dem Fahrrad unterwegs. Aber," er zeigte auf das Hinterrad zwischen seinen Knien, "es ist defekt und ich muss jetzt zum Fahrradhändler. Deshalb sitze ich jetzt ausnahmsweise mal im Bus!"

      War dies jetzt so eine schicksalhafte Begegnung, wie Hesse erwähnt hatte? Es war gerade mal eine Woche vergangen seit ich sein Namensschild am Gartenzaun gelesen hatte. Irgendwie schien es mir mehrals nur ein purer Zufall zu sein. "Du musst wirklich mal bei mir zuhause vorbeikommen!" hörte ich ihn sagen.

    Meine Gedanken kehrten augenblicklich in die Gegenwart zurück. "Ja, danke! Das werde ich machen", versprach ich. Kurz darauf hatte er sein Ziel erreicht. Er gab mir die Hand und sagte lächelnd: "Und nicht das Vorbeikommen vergessen! Du bist wirklich herzlich willkommen!"  Der Bus hielt und an der Türe winkte Michael noch einmal kurz, bevor er hinaus in den grauen Wintertag marschierte.

 

 

 

Eine offene Tür

 

Eine Woche später machte ich mich früh abends auf den Weg zum kleinen "Hexenhäuschen". Als ich ankam, sah ich Licht durchs Vorderfenster schimmern. Zwei Minuten später befand ich mich in Michaels karg möblierter Wohnung. Im Wohnzimmer mit integrierter Küche standen ein Tisch, zwei Stühle und ein Sessel. Außerdem befanden sich ein Schrank und ein alter Kohleofen, der aber nicht brannte, im Zimmer.

     „Sag mal, Michael, frierst du denn nicht?" fragte ich ihn etwas verwundert "Nein, nicht wirklich!" antwortete er "Der Ofen ist die meiste Zeit aus. Ich muss sparen! Wenn es mir mal zu kalt wird, ziehe ich einfach noch einen zweiten Pullover an oder lege mich ins Bett." Er zeigte mit dem Finger zur Decke. „Oben ist noch ein Schlafzimmer:“

    Vielleicht hatte er in meinem Gesicht meine Gedanken erraten, denn plötzlich lachte er und sagte:" Keine Sorge! Du brauchst nicht zu frieren! Ich gehe gleich mal in den Schuppen und hole ein bisschen Holz und ein paar Briketts!" Er platzierte den Sessel neben den Ofen und sagte: "Setz dich schon mal hierher!"

    Zehn Minuten später brannte der Ofen und ich hielt einen Becher mit heißem Tee in meinen Händen. Michael hatte sich mir gegenüber auf einen Stuhl gesetzt, ebenfalls mit Becher Tee in der Hand: "So, Heiner, dann erzähl doch mal, was sich alles in den letzten Jahren so bei dir ereignet hat!" Ich nahm noch einen Schluck Tee, stellte die Tasse dann auf dem Boden ab und begann zu erzählen.

 

Michael erwies sich als ein wirklich guter Zuhörer. Er unterbrach mich selten, stellte ab und zu eine interessierte Nachfrage oder gab einen kurzen, meist treffenden Kommentar ab. „So,“ sagte ich, „jetzt bist du so ungefähr im Bilde. Kurzum, ich bin auf der Suche nach einem glücklicheren Leben, weiß aber nicht wo und wie ich es finden soll.“ Wir schwiegen einen Moment lang. Der Blick in die jüngere Vergangenheit hatte mir nicht gut getan, mich etwas deprimiert. Schließlich riss ich mich zusammen und fragte ihn: „Und, wie sieht es bei dir so aus? Wie ist es dir so in den letzten Jahren ergangen?

    Ehrlich gesagt hatte ich jetzt eigentlich nichts Weltbewegendes erwartet. Aber war dann doch sehr überrascht. Seine spartanische Wohnungseinrichtung war der Ausdruck einer bewussten inneren Einstellung. Er pflegte einen asketischen Lebensstil um sich, wie er sagte, den spirituellen Dingen mehr widmen zu können.          

    Natürlich kam mir Hesses Botschaft sofort wieder in den Sinn: Sei bescheiden, beherrsche deine Wünsche und Sehnsüchte, und führe ein mehr oder weniger maßvolles, asketisches Leben! Dann wirst du vielleicht eines Tages ein einigermaßen zufriedener Mensch werden! „Aber bist du denn glücklich damit?“, fragte ich ihn. Er überlegte kurz und sagte dann: „Darum geht es nicht. Sondern es geht um Erleuchtung. Den Sinn hinter allem zu verstehen und ein spirituelles, ein sinnerfülltes Leben zu führen!“

 

Für den Rest des Abends hatten wir nun unser Thema gefunden. Er sprach von jahrtausendealtem esoterischen Wissen,und vom „New Age“ , dem Wassermannzeitalter, was gerade anbrechen würde. „Du glaubst an Astrologie, das unsere Zukunft in den Sternen verborgen liegt?“ fragte ich nach. „"Ja", bestätigte er, " aber nicht nur die Zukunft. Auch der Charakter und die Fähigkeiten werden von daher bestimmt." Dann begann er es mir näher zu erklären.

    Wie sich herausstellte, glaubte er auch an die Reinkarnation, die ständige Wiedergeburt einer Seele bis zur endgültigen Erleuchtung und den Eingang ins „Nirwana“. Eng verbunden damit war für ihn das Gesetz von Ursache und Wirkung: „Gutes oder schlechtes Handeln im jetzigen Leben haben Auswirkung auf das darauf folgende Leben!“

    Ein anderer wichtiger Baustein seines spirituellen Lebens bestand im Legen von Tarotkarten. Er glaubte, dass er durch sie viele Dinge über sich und zukünftige Entwicklungen in seinem Leben in Erfahrung bringen konnte. „Und bei Entscheidungen legst du dann die Karten?“, fragte ich interessiert nach. Er nickte: „Ja, das mache ich öfters. Insbesondere bei schwierigen Entscheidungen. Allerdings ist das natürlich immer auch eine Deutungssache. Man muss die Karten richtig lesen können.“

 

Ich war wirklich beeindruckt. Da war tatsächlich jemand, der ein interessantes Lebenskonzept gefunden zu haben schien und es offensichtlich auch auslebte. Was einen ziemlichen Kontrast zu meiner eigenen Konzeptionslosigkeit darstellte.    Irgendwann gegen Mitternacht sagte ich zu ihm: "Michael, ich habe das Leben noch nie von so wie du von einer spirituellen Warte aus betrachtet. Aber die Sache mit der vierten Dimension und der Wirkung auf unser Dasein scheint mir nicht unlogisch zu sein. Darüber würde ich mich noch gerne einmal mit dir unterhalten!"

     Er nickte zustimmend und holte ein Buch aus seinem Schrank: "Hier! Das leih ich dir. Da stehen alle Dinge drin, über die wir heute Abend gesprochen haben." Und an der Türe fügte er lächelnd hinzu: "Und lass dich bald mal wieder sehen!"

 

Auf meinem Heimweg durch die klare, kalte Winternacht gingen mir viele Dinge durch den Kopf. Irgendwann blieb ich abrupt stehen und schaute hinauf zu den Sternen: Ja, da mag es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde geben, als man gemeinhin so annimmt. Vielleicht sollte ich dem wirklich eine Chance geben!

    Ich blickte hinunter auf das Buch, das Michael mir mitgegeben hatte und plötzlich hatte ich das Gefühl, dass sich vor mir eine große, faszinierende Tür mit der Aufschrift "Esoterik" geöffnet hatte.Ja, ich will durch sie hindurchzugehen! entschied ich. Wie hätte ich ahnen können, dass ich an diesem Abend meinen ersten großen Schritt auf einem gefährlichen Irrwegin Richtung eines furchtbaren Abgrundes getan hatte.

 

 

 

 

2.Eine unglaubliche Entdeckung

 

 Esoterische Studien

 

In den folgenden Wochen las ich viel in dem esoterischen Buch, dass Michael mir mitgegeben hatte. Vor meinen Augen tat sich eine völlig neue Welt auf. Ich sog alles in mich auf wie ein ausgetrockneter Schwamm das Wasser.

    Als ich Michael das nächste Mal besuchte, war er natürlich hocherfreut über meine Begeisterung . Er versorgte mich gleich mit neuem Lesestoff, unter anderem auch über die Bedeutung von Tarotkarten, und ermutigte mich mir ruhig auch mal selber die Karten zu legen. Ich folgte seinem Rat ohne aber nennenswerte Resultate zu erzielen.

    Auch ließ ich mir von einem mit Michael befreundeten Astrologen ein Geburtshoroskop erstellen. Es war schon  interessant zu sehen, in welchen "Häusern" die meisten Planeten bei mir standen und das interpretiert wurde.    Alles schien mir so neu, spannend und verheißungsvoll zu sein. Hatte ich jetzt so kurz nach meiner Auszeit tatsächlich schon meine "Glücksmine" gefunden? Fast wollte es mir so scheinen.

     Hätte ich damals geahnt, wohin mich dieser Weg noch führen würde, hätte ich meine Beschäftigung mit jenen esoterischen Dingen sofort gestoppt. So aber nahm das Schicksal seinen Lauf in Richtung eines verhängnisvollen Abgrunds.

 

 

 Der Besuch        

Nach den dunklen und kalten Wintermonaten hielt jetzt der Frühling Einzug ins Land. Eines Tages im April entschloss ich mich eine schon lange bestehende Einladung wahrzunehmen und machte mich mit meinem Fahrrad auf den Weg zu Elke und Peter, einem jungen Ehepaar, welches ich im zurückliegenden Jahr auf einem Schachturnier kenenngelernt hatte.         

  Ich hatte Glück. Elke war zuhause und wenig später kam auch Peter von der Arbeit heim. Wir verbrachten einen guten Abend mit Essen und Trinken, und sprachen über alles Mögliche. Und natürlich erzählte ich auch von meiner Beschäftigung mit  esoterischen Dingen.

     Beide hörten interessiert zu, aber am Ende waren ihre Reaktionen doch recht unterschiedlich. Peter schien seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen recht skeptisch zu sein, sagte aber nichts weiter. Elke hingegen war begeistert: " Das hört sich wirklich spannend an!"

  Dann  fügte sie geheimnisvoll lächelnd hinzu: "Später möchte ich dir etwas zeigen, was dich bestimmt sehr interessieren wird!" Ich schaute sie erstaunt an: „Jetzt,hast du mch aber wirklich neugierig gemacht!"  Peter lächelte leicht gequält und meinte: "Du wirst überrascht sein!" Dann wechselten wir das Thema.

 

Etwa gegen 23 Uhr ging Peter dann zu Bett. Er musste frühmorgens los zur Arbeit, so dass er nicht über die Stränge schlagen wollte. Elke brachte das Geschirr in die Küche und als sie zurückkam, lächelte sie mich an. Ich ahnte, dass nun der Zeitpunkt für ihre geheimnisvolle Ankündigung gekommen war.

   "Heiner, könntest du dir vorstellen, mit einer verstorbenen Person in Kontakt zu treten?" fragte sie mich unvermittelt. Ich schaute sie verblüfft an: "Du glaubst, dass das möglich ist?" Sie nickte lebhaft und und rief begeistert aus: "Ja, das ist es!"

   Und dann erzählte sie mir, dass sie schon des öfteren mit ihrem verstorbenen Onkel Kurt in Kontakt getreten wäre. "Aber wie soll das funktionieren?", fragte ich, skeptisch und neugierig zugleich, nach.  Sie lächelte mich an: "Okay, wenn du willst, zeig ich es dir!"

  

Fünf Minuten später saßen wir nebeneinander am großen Esstisch. Vor uns lag ein großer, unbeschriebener Bogen Papier. Darauf stand ein kleines Mini-Tischchen von vielleicht 10x15 Zentimetern. An einem der Beinchen war ein Bleistiftstummel befestigt, so dass dessen Spitze den Papierbogen berührte.

   "Pass auf", sagte Elke, " ich erklär dir kurz den Vorgang. " Ich werde gleich meinen Onkel Kurt  rufen. Wenn er da ist, wird er mittels des kleinen Tischchens antworten." Sie tippte mit ihrem Zeigefinger auf die Oberfläche des kleinen Tischchen: "Darauf werden wir gleich unsere Hände legen und es wird sich dann von selbst in Bewegung setzen. Der kleine Bleistift schreibt dann die Antwort auf das Papier." Elke schaute mich fragend an: "Bist du bereit? Können wir anfangen?"

     Ich war jetzt doch ziemlich still, fast andächtig geworden: "Weiß Peter eigentlich, dass du das hier machst?" Sie grinste: "Ja, er weiß Bescheid! Aber er mag es nicht und so mache ich es nur dann, wenn er nicht da ist." Sie legte ihre Hand auf meinen Arm: "Du brauchst keine Angst zu haben. Schau einfach nur zu!" "Gut", sagte ich, "lass uns anfangen!"

   Elke rief sogleich in den Raum hinein: "Onkel Kurt, bist du da? Melde dich doch bitte!" Nichts geschah. Sie hatte gerade zum vierten Mal den "Onkel Kurt" gerufen, als sich das kleine Tischchen sich plötzlich wie von einer unsichtbaren Kraft gelenkt in Bewegung setze. Elke jubelte auf: "Siehst du, wie sich das Tischchen bewegt? Habe ich es dir nicht gesagt? Er ist da!"

   

In der folgenden halbe Stunde wurde ich nun Zeuge des seltsamsten Gespräches, was ich jemals erlebt hatte. Elke stellte die verschiedensten Fragen an ihren unsichtbaren "Onkel", der dann mittels des kleinen Tischchens in gut lesbarer Schrift antwortete.

   Nachdem dieses Frage- und Antwortspiel schon eine ganze Weile angedauert hatte, beugte Elke sich plötzlich zu mir rüber und sagte: "Los, Heiner, jetzt stell du ihm mal eine Frage!" Leicht geschockt blickte ich sie an: "Aber ich kenne ihn doch gar nicht!"

     Aber das akzeptierte sie nicht: "Ach, das macht doch nichts. Er ist ganz nett und wird dir bestimmt antworten.“ Sicherheitshalber fragte sie dann aber doch beim "Onkel" nach, ob er einverstanden sei. Die Antwort kam prompt und lautete kurz und knapp: Ja!  

     So gab ich meinen bisherigen „Beobachtungsstatus“ auf und stellte ich dem „Onkel“ die erstbeste Frage, die mir in den Sinn kam. Das kleine Tischchen setzte sich augenblicklich in Bewegung und ich konnte die Antwort dann auf dem Papierbogen lesen. Elke grinste triumphierend: "Siehst du! Er hat dir geantwortet!"

 

Als wir die Sitzung beendet hatten, schaute mich Elke triumphierend lächelnd an: "Na, habe ich dir zu viel versprochen?" "Nein, ich bin wirklich platt", gab ich unumwunden zu. Was hätte ich auch einwenden können? Der Vorgang war mehr als offensichtlich gewesen. Meine bisherige dreidimensionale Sicht der Welt war widerlegt!

    Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen klaren und eindeutigen Beweis, dass es "hinter dem Vorhang" eine unsichtbare, belebte Welt gab! War ich Zeuge geworden, wie aus einer vierten Dimension geantwortet worden war. Ich war mehr als beeindruckt, geradezu überwältigt von dieser gerade gemachten Erfahrung.

    Und wie hätte ich in dem Moment ahnen können, dass ich gerade einen riesigen Schritt in Richtung eines tiefen und schauerlichen Abgrundes getan hatte!

 

 

„Willi grüßt dich“

 

Nach diesem denkwürdigem Abend bei Elke und Peter lief erst einmal alles wie gewohnt weiter. Ich fuhr gelegentlich zur Uni, las in esoterischen Büchern und besuchte ab und zu Freunde. Aber eines Abends, als ich alleine zuhause war und mich etwas langweilte, kam mir auf einmal ein überraschender Gedanke: Wenn Elke mit ihrem verstorbenen Onkel in Kontakt treten kann, warum sollte dies nicht auch mit meinen verstorbenen Verwandten funktionieren?

    Im ersten Moment war ich total verblüfft, dass mir dieser recht naheliegende Gedanke nicht schon früher gekommen war..Dann erfasste mich eine  tatkräftige Begeisterung. Ich holte einen großen Bogen Papier aus dem Schrank und legte ihn auf den Wohnzimmertisch. Fehlte nur noch das kleine Tischchen. 

    Ich begab mich auf die Suche nach verwendbarem Material. Nach einigem Suchen und Überlegen wurde ich schließlich in der in der Küche fündig. Aus einem kleinen Brotkörbchen bastelte ich ein Tischchen und befestigte an einem der Beinchen  einen kleinen Bleistift. Genauso wie ich es bei Elke gesehen hatte.  Dann stellte ich die „Apparatur“ auf den Bogen Papier.

    Der Moment der „Wahrheit“ war gekommen. Würde die Sache funktionieren? Würde sich tatsächlich jemand melden? Ich setzte mich an den Wohnzimmertisch direkt vor die Vorrichtung und wartete schweigend ab, was passieren würde.

 

Es mochten vielleicht ein oder zwei Minuten vergangen sein, als das kleine Tischchen sich plötzlich zu bewegen begann. Ein freudiger Schauer durchlief meinen Körper. Fasziniert starrte ich auf den Bogen Papier. Als das Tischchen stoppte, las ich: Willi_ grüßt_ dich! 

Mein Herz pochte nun heftig. Laut fragte ich in den Raum hinein fragte: „Onkel Willi, bist du das?“ Das Tischchen setzte sich erneut in Bewegung: Ja

   

Fünfzehn Minuten später war mein erster eigener Kontakt mit der unsichtbaren Welt beendet. Hatte ich mich anfangs nur mit  "Onkel Willi" unterhalten, war später auch noch "Tante Maria" hinzugekommen. Und sie hatten mir mitgeteilt, dass noch andere „Verwandte“ bei ihnen wären.

   Ich konnte mein Glück kaum fassen. Auf einmal waren sie alle wieder da, die geliebten Menschen meiner Kindheit. Wenn auch in einem anderen Seins-Zustand, halt als unsichtbare Wesen. Ich musste ich diese Erfahrung unbedingt mit jemanden teilen. Manuel, ein Schachfreund, kam mir in den Sinn. Wie spät mag es sein? Bestimmt schon 23 Uhr! Ach egal!, dachte ich und verließ die Wohnung

 

 Als Manuel die Tür öffnete und mich sah, reagierte er verblüfft: "Du? So spät? Was ist passiert?" "Hallo,Manuel! Los, zieh dir was über und komm mit! Ich will dir etwas sehr Wichtiges zeigen!"  Er schaute mich leicht irritiert an und versuchte dann, mehr aus mir herauszubekommen. Aber ich entgegnete nur: "Es ist eine Überraschung! Nun komm, mach schon!" Er verzog gequält lächelnd das Gescicht und sagte dann: "Also du kommst auf Ideen. Da bin ich ja jetzt mal gespannt, um was es sich handelt!"

                                                     

Vor uns lag ein großer Bogen Papier, darauf stand das Mini-tischchen.  Ich sagte: "So, dann wollen wir uns mal mit meinem verstorbenen Onkel unterhalten!" Er schaute mich erst ungläubig an, dann begann er zu lachen: "Das ist jetzt ein schlechter Witz, oder?"

      Zehn Minuten später konnte er immer noch nicht recht glauben, was er gerade gesehen und erlebt hatte. Mehrfach wiederholte er, von teils verlegenem, teils aufgeregtem Lachen begleitet: "Unglaublich! Ich kann das nicht glauben! Das ist unmöglich!"

     Aber der Beweis lag vor uns auf dem Tisch. Auf dem Bogen Papier standen die gut leserlichen Antworten "Onkel Willis". Er schüttelte den Kopf. "Unglaublich! Ich fasse es nicht!" sagte er noch einmal.

 

Am nächsten Tag trafen ich ihn zufällig in einem Bistro. Natürlich kamen wir auf die "Sitzung" vom Vorabend zu sprechen. "Unglaublich", sagte er erneut. "Ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten". Spontan schlug ich ihm vor, dass wir bei nächster Gelegenheit ja noch einmal eine gemeinsame "Sitzung" machen könnten.

     Er schwieg einen Moment und sagte dann: "Kein Zweifel! Es hat wirklich funktioniert. Aber hör zu! Ich werde das nie wieder machen!" Ich war überrascht: "Aber wieso denn nicht? Du sagst doch selber, dass es funktioniert hat!" Er schaute mir nun direkt ins Gesicht, blickte dann zu Boden und sagte schließlich: "Es macht mir einfach Angst!"

              

 

 

Vergangene Zeiten - zukünftiges "Glück"?

 

Später, als ich wieder zuhause war, kamen mir Manuels Worte wieder in den Sinn. Wieso macht ihm die Sache Angst? fragte ich mich irritiert und konnte mir das auch nach einigem Nachdenken nicht so recht erklären.

  Ich jedenfalls hatte keine Angst vor dem Kontakt mit meinen verstorbenen "Verwandten". Ganz im Gegenteil, ich war froh sie wieder gefunden zu haben. Die Jahre zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr waren eindeutig die glücklichsten meines Lebens gewesen, und jene „Verwandten“ hatten einen maßgeblichen Anteil daran gehabt. Meine Paradies-Zeit bei "Onkel Willi" und "Tante Maria" stand mir wieder Augen. Das war das pure Glück gewesen!

 

Meine Gedanken tauchten erneut in die Vergangenheit ein. Meine Mutter und mein Stiefvater standen wieder vor „Onkel Willis“ Bauernhaus um mich abzuholen. Ein Schock, hatte ich anscheinend gehofft , für immer dort in meinem „Paradies“ bleiben zu können. Dann der Abschied von Onkel Willi und Tante Maria, das ahnungsvolle Wissen um das für immer verloren gegangene „Glück“.

    "Vielleicht kommst du ja im nächsten Jahr wieder zu uns!" hatte Tante Maria damals gesagt. Aber innerlich spürte ich, dass es dazu nicht kommen würde. Und ich sollte recht behalten. Ich sah jenen wunderbar idyllischen Ort mit all seinen vielen Obstbäumen, den äsenden Rehen am Morgen und am Abend, dem großen Garten meines Onkels und dem so intensiv würzig riechenden Hühnerstall nie wieder.

  

 An jenem Tag begann für mich ein völlig neuer Lebensabschnitt. Meine Mutter, mein Stiefvater zogen mit mir in eine andere Stadt und mein Leben ging im Wesentlichen ohne meine Großeltern und ohne Onkel Willi und Tante Maria weiter. Von nun an wurden von mir Gehorsam und gute Schulleistungen erwartet.

   Die folgenden Jahre verliefen auch gar nicht so schlecht. Ich ging gerne in die Schule und brachte ziemlich gute Noten mit nach Hause, ohne mich dafür besonders anstrengen zu müssen. So hatte ich viel freie Zeit zum Spielen mit Nachbarskindern und Klassenkameraden.

    Gelegentlich durchstreifte ich auch alleine die Hügel und Wälder in der Umgebung. Bei all dem schimmerte aber schon jene Einsamkeit durch, die später so bestimmend in meinem Leben werden sollte.

   Mit dreizehn geschah dann schwerer Skiunfall mit Knöchelbruch, der auch zu einem "Bruch" in meinem Leben führte. Trotz völliger Genesung verlor ich nach und nach das Interesse an der Schule, wurde rebellisch gegenüber den Lehrern und verbrachte viel Zeit mit "falschen Freunden".

   Mit einem Wort, es ging erst langsam, dann aber ziemlich steil bergab. Und nichts und niemand schien diesen unaufhaltsamen Niedergang stoppen zu können.

  

Es ist vermutlich überflüssig zu erwähnen, dass ich mich in jenen Jahren ziemlich alleine und unglücklich fühlte. Die Beziehung mit meinen Eltern war irgendwann auch nahe dem Nullpunkt angekommen. Ich trank oft Alkohol und kam nicht selten erst spät in der Nacht heim. Am nächsten Tag blieb ich dann öfters dem Unterricht fern. Erst musste ich ein Jahr wiederholen, dann scheiterte ich knapp im Abitur. Was mir aber völlig egal war. 

    Danach begann direkt meine Bundeswehrzeit, von der ich eigentlich gehofft hatte, fernab von zuhause eine Art Neuanfang machen zu können. Aber das Gegenteil war der Fall. Mit dem dort vorherrschenden Prinzip von Befehl und striktem Gehorsam kam ich überhaupt nicht klar. Ich fing mir viele Disziplinarstrafen ein, was mich  nur noch "wilder" werden ließ.

   So beging ich mehrfach Fahnenflucht und kann von Glück sagen, dass ich damals nicht im Gefängnis gelandet bin. Ich wurde stattdessen, für mich ziemlich überraschend, aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens vorzeitig von der Bundeswehr entlassen. Ich war noch einmal mit einem "blauen Auge" davongekommen. Mir bot sich die Chance für einen echten Neuanfang.

 

Tatsächlich entwickelte sich in der Folge mein Leben zum Besseren. Ich zog wieder zuhause ein, absolvierte ein praktisches Jahr in einem Kindergarten und begann danach mit einem Sozialpädagogikstudium. Das Schachspielen - ein seit Kindertagen gepflegtes Hobby - begann nun sehr wichtig für mich zu werden.   

    Ich gewann verschiedene gutbesetzte Turniere und war auf einmal eine regionale "Schachgröße". Dann lernte ich Kerstin, meine erste große Liebe, kennen.

         So lief es drei Jahre recht gut, bis sich mit vierundzwanzig die nächste Krise anbahnte. Ich fühlte mich nicht gut, hatte mich schweren Herzens von Kerstin wieder getrennt, brach mein Studium und die Beziehung zu meinen Eltern ab. Einige Monate lang lebte ich fast ohne Geld und zeitweise auch ohne einen festen Wohnsitz.

    Schließlich versöhnte ich mich wider mit meinen Eltern und  mein Stiefvater unterstütze mich fortan finanziell, so dass ich mir eine Wohnung anmieten und wieder mein Studium aufnehmen konnte. Das war dann auch der Zeitpunkt, wo ich den Widerstand gegen ein "normales" Leben aufgab und mein Studium nun auch etwas ernster betrieb.

 

Der Rest der Geschichte ist ja schon bekannt. Mit siebenundzwanzig Jahren geriet ich in die nächste heftige Krise, nahm mir eine Auszeit, und fragte mich beinahe verzweifelt: Werde ich noch jemals im Leben das Glück finden?

  Und jetzt, nach über zwanzig Jahren, war ich auf einmal wieder in Kontakt mit meinen geliebten, verstorbenen Verwandten aus glücklicheren Kindertagen.  Das wieder aufgeben? Ich schüttelte unwillig den Kopf: Auf gar keinen Fall! Vielleicht werde ich mit ihrer Hilfe ja doch noch ein glücklicher Mensch werden!

 

 

  

Im regelmäßigen Kontakt mit der “unsichtbaren Welt”

 

Die nächsten Wochen vergingen ohne besondere Vorkommnisse. Inzwischen war es richtig Frühling geworden und ich verlegte vermehrt meine Aktivitäten nach draußen. Aner ich setzte zuhause auch meine esoterischen Studien fort und suchte mindestens einmal am Tage den Kontakt mit meinen verstorbenen „Verwandten“.

      Meist verliefen die „Sitzungen“ in Form eines Frage- und Antwortspiel. Ich sprach irgendeine  Frage laut in den Raum hinein und erhielt von „ihnen“ meist umgehend eine Antwort mittels des kleinen Tischchens.

    Mein Gesprächspartner war in der Regel „Onkel Willi“, aber er betonte mehr als einmal, dass er im Namen aller schrieb. Oft benutzte er auch die „Wir-Form“. Wir empfehlen dir dies und das ... uns gefällt das ... etc!  Sie schienen sich  immer einig zu sein und gut Bescheid zu wissen.

   

Einmal packte mich die Neugier und ich fragte: „Sag mal, Onkel Willi, was machst ihr dort in der jenseitigen Welt eigentlich den ganzen Tag so?“ Die Antwort überraschte mich:                                                                            Wir_warten_hier_auf_unsere_nächste_Wiedergeburt_Bis dahin_geben_ wir_ auf_ dich_ und_ deine_ Eltern_acht

    So also ist das, dachte ich. Sie sind also immer da, nicht nur wenn ich sie rufe.

   Ich empfand diesen Gedanken aber keineswegs als unangenehm. Im Gegenteil, ich fühlte mich durch das Wissen um ihre "Anwesenheit" sicherer und geborgener. Ausserdem empfand ich es als sehr beruhigend, dass mit dem biologischen Ende offensichtlich nicht Alles vorbei war. Das Leben hatte auf einmal für mich einen Sinn bekommen.

 

Einmal fragte ich die  "Verwandten"  "Ist das so, dass die Sterne einen Einfluss auf das Leben von uns Menschen haben? Ja!, schrieben sie, Da_besteht_ein_großer_Zusammenhang_Mache_ruhig_ weiter_mit_der_Astrologie_Du_bist_auf_einem_guten _Weg! 

    Aber sie bestärkten mich nicht nur in meinem Glauben an die Astrologie, sondern bestärkten mich auch in meinen anderen esoterischen Betätigungen.     

    Manchmal sprachen sie aber auch von Gott und der Bibel, was mich anfangs etwas irritierte. Denn da schien mir doch ein Widerspruch zu bestehen. Was hatten diese esoterischen Dinge mit dem christlichen Glauben zu tun? Sie passten doch eigentlich eher zum Buddhismus.

    Doch ich thematisierte diesen Punkt nicht weiter. Ich hoffte, dass die Zusammenhänge früher oder später schon klarer werden würden. Ich stand ja erst am Anfang meiner esoterischen "Entdeckungsreise"!

 

Anderen gegenüber erwähnte ich meinen Kontakt mit den verstorbenen "Verwandten" nur sehr selten.  Als ich einmal mit Michael, dem Esoteriker, darüber sprach, reagierte er zu meinem Erstaunen recht reserviert:" Ja, ich habe davon gehört! Aber das ist nicht meine Richtung!"  Damit war das Thema für ihn erledigt.

    Elke war die einzige, mit der ich mich ungezwungen und offen darüber unterhalten konnte. Natürlich hielten wir auch die ein oder andere gemeinsame "Sitzung" ab. Einmal schaute uns Peter dabei sogar über die Schulter, sagte aber nichts.

    

Mit Jürgen, einem atheistischen Freund, sprach ich einmal über die Reinkarnation. Aber er lachte nur: "Blödsinn! Da kommt nichts mehr, wenn der letzte Vorhang fällt! Wenn du tot bist, dann war es das!"  Da wurde ich ärgerlich und forderte ihn heraus: "Ich bin mit meinen verstorbenen Verwandten im Kontakt. Wenn du das nicht glaubst, können wir gerne mal eine gemeinsame Sitzung machen!" Er schaute mich kurz mit großen Augen an, dann sagte: "Warum nicht? Meinetwegen!"

     Tatsächlich starteten wir dann auch sofort mit einer Sitzung. Aber was soll ich sagen? Es war das einzige Mal, dass der Kontakt mit meinen "Verwandten" nicht so richtig funktionierte. Was mir natürlich Jürgens Spott einbrachte: "Habe ich es doch gewusst! Es gibt nichts Übernatürliches! Alles nur Einbildung!"

    

Später, als Jürgen schon gegangen war, fragte ich bei meinen "Verwandten" nach: "Warum habt ihr vorhin nicht geantwortet?" Die Antwort fiel kurz und bündig aus: In_Zukunft_melde_dich nur_noch_alleine_bei_uns 

    Ehrlich gesagt irritierte mich diese Antwort schon ein wenig. Was störte sie an der gelegentlichen Anwesenheit eines Freundes bei einer "Sitzung"? Ich fragte aber nicht nach und hielt mich fortan an ihre Anweisung.

 

 

 

"Bibel, Gott, Jesus,...Freikirche? Nein danke!“

 

Claudia war eine nette Studentin, die ich von der Uni her kannte. Eines Nachmittags saßen wir nach einem Seminar noch etwas draußen in der nun schon recht kräftigen Frühlingssonne. Wir unterhielten uns über dies und jenes, als ich schließlich auf meine esoterischen Beschäftigungen und die vierte Dimension zu sprechen kam. Meine Sitzungen mit den "Verwandten" erwähnte ich allerdings nicht.

     Sie schien mir recht interessiert zuzuhören, aber als ich meine Ausführungen beendet hatte, blieb sie schweigsam. Etwas irritiert fragte ich nach: "Nun, Claudia, was denkst du darüber?" Sie blickte etwas verlegen auf den Boden, dann schaute sie mir direkt ins Gesicht: "Ich weiß eigentlich nicht so recht, was ich dazu sagen soll! Ich bin Christin und glaube an Gott und Jesus. Und an das, was in der Bibel geschrieben steht!"

    Bibel, Gott und Jesus? In mir stiegen tief vergrabene Bilder aus der Kindheit hoch. Jeden Sonntag eine Stunde Langeweile in der Kirche, meine Kommunion und das allabendliche Gebet vor dem Schlafengehen. Ich wusste es immer noch:                                                                                                                         

Ich bin klein,
mein Herz ist rein,
soll niemand drin wohnen
                                          als Jesus allein!
                                                                                                                      

 

Und dann natürlich die Religionsstunden bei Frau Koch und später Herrn Laudage mit den Geschichten über Jesus, Petrus und Paulus, und all den Anderen. Wie lange das Alles schon her war!?

       "Du bist wirklich eine Christin und glaubst an die Bibel?", fragte ich sie, nachdem ich mich vom ersten "Schock" erholt hatte. Sie nickte bestätigend. "Aber du bist eine intelligente Frau! Wie kannst du an einen solchen Unsinn glauben? Das sind doch alles Legenden und Märchen in der Bibel!", sagte ich nun leicht ärgerlich. Ich konnte diese „Naivität“ wirklich nicht begreifen.

      Sie blieb freundlich und entgegnete: "Ich gehöre einer evangelischen Freikirche an. Wir haben jeden Samstag einen offenen Abend. Dort könntest du dich mit meinem Verlobten unterhalten. Er ist Diakon der Gemeinde und kann dir die Dinge besser erklären als ich."

     Jetzt wurde ich richtig sauer und stand auf: "Okay, Claudia, lass uns das Thema beenden. Ich respektiere deinen Glauben, aber ich glaube nicht an Gott und schon gar nicht an die Bibel. So wäre ein Gespräch mit deinem Verlobten pure Zeitverschwendung! Komm, das Seminar beginnt sowieso gleich!"

 

Als ich später alleine war, dachte ich noch einmal über unser Gespräch nach. Wieso hatte ich eigentlich so ärgerlich reagiert? Ich hatte ihr von meinen esoterischen Dingen erzählt, und im Gegenzug hatte sie von ihrem christlichen Glauben gesprochen. Das war eigentlich ganz normal! Kein Grund so die Beherrschung zu verlieren. Ich schüttelte unwillig über mich den Kopf und nahm mir vor, mich beim nächsten Mal bei ihr zu entschuldigen.

 

 

 

Der Mann im Park

 

Ein paar Wochen später saß ich Samstag abends alleine zuhause herum. Mir war langweilig und ich hatte keine Lust auf eine weitere Sitzung mit meinen "Verwandten". So fuhr ich mit meinem Fahrrad in die Düsseldorfer Altstadt, gemeinhin bekannt als "die längste Theke der Welt".

      Eigentlich mochte dieses Kneipenviertel nicht besonders, aber ich hoffte ein bisschen Ablenkung und Zerstreuung zu finden. Und so lief ich etwas ziellos in den Altstadtgassen herum, als ich plötzlich ein kleines Heftchen auf dem Boden liegen sah. Ich hob es auf und begann darin zu blättern.

    Offensichtlich handelte es sich um ein religiöses Traktat. Auf jeden Fall war von Jesus und der Bibel die Rede. Auf der Rückseite befand sich die Adresse einer evangelischen Freikirche.

     Natürlich kam mir sofort wieder das Gespräch mit Claudia in den Sinn. War es ihre Gemeinde? Bestimmt gab es noch andere Freikirchen in Düsseldorf. Heute offener Abend! stand auf der Rückseite. Mir fiel ihre Einladung wieder ein. Sollte ich nicht vielleicht einen Versuch wagen? Sie würde ziemlich überrascht sein, dachte ich lächelnd bei mir selber.

      Doch dann fiel mir plötzlich ihr Verlobter ein. Der würde vermutlich, wenn es überhaupt die richtige Gemeinde war, auch vor Ort sein. Auf ein Gespräch über Gott und die Bibel stand mir nun wirklich nicht der Sinn. Ich steckte das Heftchen ein und setzte meinen Altstadtbummel fort.

 

Irgendwann wurde mir dann aber auch das Herumspazieren zu langweilig und so begab ich mich in eine der vielen Diskotheken. Ich hatte gerade einen Rundgang gestartet, als mich plötzlich ein junger Mann anpöbelte und ohne einen erkennbaren Grund beleidigte. Ich stoppte und fragte ihn ganz ruhig: " Was ist das Problem? Habe ich dir irgendetwas getan?“

     Jetzt wurde er richtig wütend und beschimpfte mich aufs Übelste.  Handgreiflichkeiten lagen in der Luft Zum Glück zog ihn eine junge Frau, vermutlich seine Freundin, von mir fort und sagte mit einem entschuldigendem Lächeln in meine Richtung: "Nimm das nicht ernst! Er ist betrunken. Am besten du beachtest ihn gar nicht weiter!"

     Ich verließ umgehend wieder die Disco. Meine Laune war jetzt endgültig "im Keller" und so begab ich mich umgehend zu meinem Fahrrad. Kurz darauf lag die Altstadt mit ihrem lärmigem Treiben und ihren selten eingelösten Versprechungen hinter mir.

 

 Als ich durch einen schwach beleuchteten Park fuhr, sah ich plötzlich aus einem Augenwinkel jemanden am Ufer eines kleinen Sees stehen. Normalerweise hätte ich ihm wohl kaum weitere Beachtung geschenkt, wenn ich nicht plötzlich eine weinerliche Stimme vernommen hätte: “Ich will sterben! Ich bringe mich um!"

      Ich stoppte. Hatte ich richtig gehört? Ich schaute zu der Person am See, hinüber. Der Gestalt nach schien es ein junger Mann zu sein. Erneut vernahm ich die klagende Stimme: "Ich will sterben! Ich bringe mich um!" Wenig begeistert stieg ich von meinem Rad und ging zu ihm hin. "Hallo!", sagte ich, "Was ist los?"

    Er schaute mich an, als hätte er mich erst jetzt wahrgenommen. Ich blickte in ein offenes und ausdrucksvolles Gesicht. "Ich habe keine Freunde! Ich bin so einsam! Ich bringe mich um!" sagte er unvermittelt und blickte wieder auf den See.

    Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Sollte ich seine Selbstmordabsicht wirklich ernst nehmen? "Wie heißt du?", fragte ich ihn. Ohne vom See wegzublicken sagte er, "Frank! Und du?" "Ich heiße Heiner!", entgegnete ich. Er schwieg.

   "Hör mal, Frank, du bist doch noch jung. Du hast das Leben doch vor dir. Da bringt man sich doch nicht einfach um!" Er schaute mich an: „Aber ich bin so einsam!“ Ich wies auf eine kleine Bank: „Wir können uns ja ein wenig unterhalten“, schlug ich vor. Überraschend schnell entgegnete er: “Ja gut“ 

 

Nach etwa zehn Minuten schien seine düstere Stimmung gewichen zu sein. Einmal lachte er sogar laut. Das war dann auch der Moment, als ich dachte, dass die Sache ausgestanden wäre und ich weiterfahren könnte. So stand ich auf und sagte zu ihm: "Okay, Frank, es war nett gewesen, sich mit dir zu unterhalten. Aber jetzt muss ich weiter! Alles Gute! Und mach keinen Blödsinn! Versprochen?"

   Statt einer Antwort stand er ebenfalls auf und ging wieder zum Rand des Sees: "Ich bin so einsam! Ich bringe mich um!"

     Das war der Moment, wo ich zu bereuen begann, dass ich mich überhaupt mit ihm eingelassen hatte. Ich ging erneut zu ihm hin. "Wie willst du dich den in diesem kleinen See umbringen? Der ist doch höchstens in der Mitte zwei Meter tief!" Keine Ahnung, ob es stimmte. Aber mir war nun jedes Argument recht. "Ich kann nicht Schwimmen!", lautete seine lakonische Antwort.

      Seite an Seite standen wir nun am Ufer des Sees. "Frank," sagte ich, "ich kann nicht die ganze Nacht hier bei dir bleiben und auf dich aufpassen. Ich werde jetzt gehen. Am besten du begleitest mich erst mal ein paar Meter" "Einverstanden", sagte er lächelnd, "ich komme mit!"

 

Was hatte ich für eine Wahl gehabt? Vielleicht kam er außerhalb des Parks auf andere Gedanken. Und so gingen wir los. Als wir uns schon auf einer Strasse in der Düsseldorfer Innenstadt befanden, stoppte er plötzlich abrupt “Wollen wir einen Tee trinken?“

    Ich schaute ihn etwas irritiert an: „Wo willst du denn um diese Uhrzeit noch einen Tee trinken gehen?“ Immerhin ging es auf 23 Uhr zu und die Altstadt war weit entfernt, wo man vielleicht noch ein offenes Bistro hätte finden können. Statt zu antworten ging er auf den Eingang eines in unserer Nähe liegenden Gebäudes zu und öffnete die Tür: “Ja, hier bei den Jesusfreaks!“ Er grinste mich an.

    Tatsächlich schienen sich Menschen in dem Gebäude zu befinden. Ein Pärchen kam die Treppe hinunter und ging durch die geöffnete Tür hinaus.  „Hier gibt es Tee?“, fragte ich immer noch leicht irritiert. „Ja,“ meinte Frank,“ das ist  hier das JESUS-HAUS. Die hatten heute Abend eine offene Versammlung.  “

    Ich zögerte:“ Aber wenn die Versammlung vorbei ist, warum sollten wir da jetzt noch reingehen?“ Er entgegnete, immer noch in der offenen Tür stehend: “Die haben anschließend immer noch die Teestube geöffnet. Da gibt es Tee und Gebäck umsonst. Und man kann sich mit den Christen auch ganz gut unterhalten!“

  

Zwei junge Frauen verließen laut lachend das Gebäude. Ich sah ihnen nach und fragte dann Frank:“ Bist du auch einer von den Jesusfreaks?“  Er machte eine abwehrende Handbewegung :“ Nein, um Gottes willen, nein! Ich gehe nur manchmal in die Teestube, um mich etwas zu unterhalten! Wollen wir reingehen?“

    Augenblicklich begriff ich die Gunst des Moments. Ich lächelte ihn an: „Tut mir leid, Frank! Aber ich bin müde und will nach Hause!“. Ich stieg auf mein Rad. „Aber du solltest da jetzt reingehen, einen Tee trinken und dich noch ein bisschen mit den Freaks unterhalten. Tschüss, mach`s gut!“ Ich fuhr los. „Halt! Warte, ich komme mit!” hörte ich ihn rufen. Ohne mich noch einmal umzudrehen, trat ich kräftig in die Pedalen.

                       

 

 

 

 

                                                              3.Die Krise

 

 

Eine Ankündigung

 

Anfang Juni saß ich in der Mittagszeit an meinem Küchentisch und blickte durch das geöffnete Fenster hinaus in den Garten.  Es war ein herrlicher Frühsommertag mit einem blauen Himmel und einigen kleinen, weißen Wölkchen. Die Bäume im Garten waren voll von Äpfeln, Birnen, Kirschen und anderen Früchten. Und von den vielen Blumen strömte ein wohlriechender Duft in meine „Klause“.

     Die Katze meiner Vermieter lag dösend unter einem Strauch und schien die zwei auf der Wiese umherhüpfenden Vögel nicht zu beachten. Ein auf einem Ast sitzender Fink stimmte ein fröhliches Lied an. So, oder so ähnlich musste es auch im Paradies gewesen sein.

    

Vor mir auf dem Tisch hatte ich die Utensilien für eine weitere Sitzung mit meinen unsichtbaren „Verwandten“ ausgebreitet. Ich fragte in den Raum hinein: „Ist jemand da?“ Das Tischchen begann sich in Bewegung zu setzen. Willi_grüßt_dich!   war kurz darauf auf dem Bogen Papier zu lesen.

   Ich lächelte. „Onkel Willi, erinnerst du dich als ich damals in meinen Schulferien bei euch auf dem Hof war?“ Natürlich_erinnerne_ich_mich   las ich und redete erfreut weiter: „Es war die schönste Zeit meines Lebens. Wie im Paradies! Gibt es diesen Bauernhof eigentlich noch?“ Zu meiner Überraschung bewegte sich das Tischchen nicht. „Ist was?”, fragte ich leicht irritiert nach. Jetzt setzte sich das Tischchen wieder in Bewegung und wenig später las ich auf dem Bogen Papier: Jürgen_kommt_ gleich_ bei_ dir_vorbei!

     Ich war erstaunt, denn wir waren nicht verabredet und ich hätte ihn zu diesem Zeitpunkt auch nicht unbedingt erwartet. Das kleine Tischchen setzte sich erneut in Bewegung: Er_wird_heute_Nacht _sterben
     Der Satz traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel und erschütterte mich bis ins Mark. Ich brach augenblicklich in Tränen aus.
Dann, nach etwa zehn oder zwanzig Sekunden, hatte ich mich wieder etwas gefasst. Das Tischchen setzte sich erneut in Bewegung:Sei_nicht_traurig_Heiner_Morgen_wird_er_bei_uns_sein_und_

dann_könnt_ihr_ja_eine_Schachpartie_miteinander_spielen

    Sofort spürte ich eine tröstliche Wirkung. Wie dumm von mir! Natürlich, er

lebt ja als Seele weiter. Sogar Schach würden wir mittels des Tischchens weiter miteinander spielen können. Das Tischchen setzte sich erneut in Bewegung:Aber_du_darfst_mit_ihm_nicht_über_seinen_bevorstehenden_Tod_sprechen_Verhalte_dich _ihm_gegenüber_so_wie_immer                          

   Sie gaben mir noch einige andere Anweisungen für den Nachmittag und schrieben dann: Beeile_dich_Er_kommt_gleich   Schnell packte ich  alle Utensilien vom Küchentisch in den Wohnzimmerschrank. Als ich zurück in die Küche kam, schellte es. 

   Ich erschrak. Mein Herz begann zu pochen. Das ist er! schoss es mir durch den Kopf. Ich atmete tief durch, ging zur Türe und betätigte dann den Summer. Nur nichts anmerken lassen!  befahl ich mir selber.

     Im Treppenhaus wurden Schritte hörbar. Als sie vor meiner Wohnung stoppten, öffnete ich die Türe. Vor mir stand tatsächlich, offensichtlich in guter Stimmung, mein Freund Jürgen. Er begrüßte mich lachend :"Hallo Heiner! Ich hoffe, ich störe nicht"   Unglaublich, dachte ich, dass er heute Nacht sterben wird!  Ein wenig Überraschung vortäuschend, sagte ich zu ihm: "Ah du bist es! Komm rein!"

 

                                 

 

Ein letztes Ma(h)l

 

So sehr mich die Ankündigung seines bevorstehenden Todes auch geschockt hatte, so gab es dafür aber durchaus auch sachliche Gründe. Jürgen litt unter starken Herzproblemen und hatte schon einen Herzschrittmacher eingesetzt bekommen. Also die normale Lebenserwartung eines Gesunden hatte er somit sowieso nicht. Aber dass es nun so schnell gehen würde!? Schließlich war er erst fünfunddreißig Jahre alt.

     "Es ist so ein herrlicher Tag. Was hältst du davon, wenn wir einen Spaziergang am Rhein entlang machen?" schlug er mir vor. Dies hatten wir schon oft getan und meist landeten wir danach noch beim "Chinesen"!

     "Nein", entgegnete ich, "es ist zu warm draußen. Lass uns lieber etwas in den Garten gehen!" Genau das hatten mir die "Verwandten" befohlen. Für einen kurzen Moment schien er etwas enttäuscht, dann aber gab er nach: "Einverstanden! Wir können ja später vielleicht noch etwas Essen gehen." Schnell griff ich in ein Regal und holte ein Buch heraus. Dann machten wir uns auf den Weg in den Garten.

 

Dort angekommen suchten wir uns ein schattiges Plätzchen und ich schlug das mitgenommene Buch auf. „Hast du etwas dagegen, wenn ich dir ein paar Zeilen  vorlese?“, fragte ich ihn so beiläufig wie möglich. Er lachte kurz auf: “Nein, wieso sollte ich? Wie lautet denn der Titel des Buches?“ Eine Reise durch das Universum!“, entgegnete ich, woraufhin er erneut lachte: „Na, dann leg mal los!“

      Ihm daraus etwas vorzulesen war nicht meine eigene Idee gewesen, sondern eine der Anweisungen der "Verwandten". Wohl als Vorbereitung auf das, was Jürgen in wenigen Stunden bevorstand, denn in dem Buch ging es um eine Seelenreise durch das Universum nach dem Tode.

    Als ich die Textpassage beendet hatte und das Buch zuklappte, brach Jürgen in ein lautes Lachen aus. Als er sich etwas beruhigt hatte, fragte er mich:  "Sag mal, Heiner, warum zum Teufel hast du mir gerade das vorgelesen? Du weißt doch, dass ich das Alles für Blödsinn halte. Da gibt es nichts nach dem Tode. Tot ist tot!“

    Ich schwieg betreten und dachte etwas bedrückt: In einigen Stunden wirst du es besser wissen! Dann antwortete ich in scheinbar belangloser Weise: „Ach, ich dachte nur, dass es nicht schlecht sei, wenn du das mal hören würdest?“ Er lachte erneut kurz auf und schüttelte etwas missbilligend den Kopf.

    Wir blieben dann noch eine ganze Weile im Garten sitzen und unterhielten uns über dies und jenes, bis Jürgen plötzlich sagte: „So, jetzt bekomme ich doch langsam etwas Hunger. Was hältst du davon, wenn wir zum Griechen fahren ?“

 Für einen kurzen Moment zögerte ich. Die „Verwandten“ hatten mir diesbezüglich keine Anweisung gegeben. Aber warum eigentlich nicht?  dachte ich bei mir. Schließlich würde es unsere letzte gemeinsame Mahlzeit auf Erden sein. Und so nickte ich: „Ja, gut! Aber ich fahre mit meinem Rad!“

 

Etwa zwanzig Minuten später traf ich beim “Griechen” ein. Jürgen hatte seinen Wagen in der Nähe geparkt und wartete vor der Eingangstüre auf mich. Wenig später saßen wir uns gegenüber bei Gyros, Pommes und Salat, wie wir dies schon viele Male zuvor getan hatten.

    Es war nicht so, dass jetzt noch einmal ganz gewichtige Dinge gesagt oder besprochen wurden. Nein, das geschah nicht! Ganz im Gegenteil war ich um „Normalität“ bemüht und versuchte nichts von dem nach außen dringen zu lassen, was mich innerlich beschäftigte.

     Nach etwa einer halben Stunde verließen wir den Imbiss wieder und kurz darauf verabschiedeten wir uns ganz normal voneinander. Dann stieg Jürgen in sein Auto und fuhr los. Ich schaute ihm noch nach bis er ganz außer Sichtweite war. In dieser Welt werde ich ihn nicht mehr wiedersehen!  ging es mir durch den Kopf. Nachdenklich ging ich zu meinem Fahrrad und schloss es auf!

 

 

 

Ein "Königreich" für eine Bibel

 

Ich fühlte mich depressiv und erschöpft. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich nach Hause fahren und mich Schlafen legen sollte. Dann aber verwarf ich den Gedanken wieder, denn es war einfach noch zu früh dafür. Stattdessen entschied für eine Fahrt in die Altstadt. Vielleicht würde mich das ja etwas ablenken und auf andere Gedanken bringen.

     In der Innenstadt stellte ich überrascht fest, dass ich offensichtlich nicht der Einzige war, der in Richtung Altstadt unterwegs war. Auf den beiden Bürgersteigen längs der Straße strömten Menschen, hauptsächlich jüngeren Alters, dorthin. Hier und da war fröhliches Lachen und Singen zu vernehmen. Seltsam!, dachte ich.

   Auffällig war auch, dass viele von ihnen in Lila und Weiß gekleidet waren und Rucksäcke trugen. Etwas irritiert fragte ich mich: Was geht hier vor sich?Auf jeden Fall schien es sich um ein größeres Ereignis zu handeln. Als ich in der Altstadt ankam, staunte ich nicht schlecht.Die beiden Hauptgassen waren gefüllt mit Menschen, links und rechts waren Stände aufgebaut. Es war beinahe wie in der Vorweihnachtszeit! Ich schloss mein Fahrrad ab und begab mich neugierig zu einem der Stände, einem Bücherstand mit politischen und religiösen Büchern, und entsprechenden Traktaten. Auf einem von ihnen las ich:

                                                                                                          

Evangelischer Kirchentag

in Düsseldorf                

vom 6-10.6.1985

 

Mit einem Mal ging mir ein Licht auf. Ich war mitten in eine religiöse Großveranstaltung hineingeraten.

   Eigentlich konnte ich mir unter einen "Kirchentag" gar nichts so recht vorstellen. Aber okay, aber vermutlich hatte es mit Kirche, Religion und christlichem Glauben zu tun. Es war nur erstaunlich, dass ich von solch einem Großereignis im Vorfeld nichts mitbekommen hatte.     

   Aber im Grunde genommen war es eine angenehme Überraschung! Ich würde die Sache mit Jürgen eine Weile vielleicht vergessen und mich neuen, möglicherweise sogar interessanten Dingen beschäftigen können.  Außerdem gefiel mir die gute Stimmung um mich herum, die nichts mit der sonstigen Bierseligkeit zu tun hatte. Und so begann ich ein wenig herumzuschlendern und mich umzuschauen.

 

Ein bisschen erstaunte mich, dass es an den Ständen sehr oft um politische Inhalte ging. Ich fragte mich einige Male etwas irritiert: Wieso gibt es hier so wenige religiöse und christliche Bücher? Oder Bibeln? Schließlich ist das hier doch ein Kirchentag!

   Plötzlich verspürte ich den starken Wunsch mir eine Bibel zu kaufen. Ich wunderte mich ein wenig über mich selbst. Noch vor wenigen Wochen hätte ich das für völlig ausgeschlossen gehalten. Schon seit vielen Jahren besass ich keine mehr und hatte in all den Jahren nicht das geringste Interesse gehabt, darin mal wieder lesen zu wollen..

    Seltsamerweise war es ausgerechnet Jürgen gewesen, der mir einige Monate zuvor zum Kauf einer Bibel geraten hatte. "Wäre bestimmt interessant für dich!", hatte er gemeint. Ich hatte ihn nur verständnislos angeschaut und geantwortet: "Warum sollte ich? Da stehen doch sowieso nur Legenden und Märchen drin!" Er hatte nur gelacht und entgegnet: "Trotzdem! Du solltest es tun!"

   Mir fiel ein, dass auch die "Verwandten" einige Male aus der Bibel zitiert hatten und ich es gerne nachgeschlagen hätte. Keine Frage, ich brauchte eine Bibel.

 

Nachdem ich eine Zeitlang erfolglos herum gesucht hatte, war ich doch etwas irritiert. Ich war doch auf einem Kirchentag! Wie kann es dann sein, dass ich hier an den Bücherständen keine Bibeln zum Verkauf angeboten werden? fragte ich mich erneut. Plötzlich hörte ich von irgendwoher fröhliches Singen. Ich ging in Richtung des Klanges und gelangte zu einer Kirche. Für einen Moment zögerte ich, aber dann öffnete ich die Türe und ging hinein.

    Mein letzter Kirchenbesuch lag Jahre zurück. Damals wohnte ich noch bei meinen Eltern und war an einem Heiligabend auf die spontane Idee gekommen, einen evangelischen Gottesdienst zu besuchen. Ich kann nicht genauso sagen, was ich mir davon versprochen hatte. Aber ich war so enttäuscht, dass ich mitten in der Predigt aufstand und die Kirche wieder verließ.

     Hier war ich nun in das Ende eines Gottesdienstes geraten. Es wurde der Schlusssegen gesprochen und dann noch ein Lied. Als ich kurz darauf wieder draußen vor der Kirche stand, fiel mein Blick auf ein nahe stehendes Gebäude. Dort standen im ersten Stockwerk einige Jugendliche an offenen Fenstern.  Den Geräuschen nach zu urteilen schien dort eine Party in Gange zu sein.

   Auf einmal hatte ich das Gefühl eine innere Stimme zu mir sagen zu hören: Geh hinein! Dort wirst du eine Bibel finden!  Ich zögerte einen kurzen Moment, dann aber ging ich entschlossen auf den Eingang zu. Einen Versuch ist es wert, dachte ich.

 

Tatsächlich war im ersten Stockwerk ein Büchertisch aufgebaut, auf dem auch einige Bibeln zum Kauf angeboten wurden. Mein "Gefühl" oder meine "innere Stimme" hatte mich also nicht getäuscht. Nach näherer Begutachtung entschied ich mich für eine katholische Einheitsübersetzung, wegen der der verständlichen Sprache und auch des günstigen Preises von zehn DM. Kurz darauf verließ ich mit der Bibel in der Hand das Gebäude.
   Seltsam, dachte ich, da suchst du überall nach einer Bibel und findest sie dort, wo du sie eigentlich nicht vermutet hättest!
  Und war es nicht erstaunlich, dass ich dies vorher schon gewusst hatte? Woher war der Impuls gekommen?

    Auf jeden Fall war ich nun froh im Besitz einer Bibel zu sein. Seltsamerweise gab mir dies ein gutes Gefühl. Vielleicht ist es ja ein gutes Zeichen! , dachte ich bei mir selber. Ein Zeichen der Hoffnung in dieser doch recht angespannten Gesamtsituation!

 

 

 

 Ein "Missionar" aus Konstanz

                                            

Langsam schlenderte ich durch die Gassen der Altstadt zurück zu meinem Fahrrad. Ich hatte es schon fast erreicht, als ich auf einmal eine laute Stimme ganz in meiner Nähe vernahm. Ein Mann stand etwas erhöht und sprach offensichtlich zu einer kleinen Ansammlung von Menschen. Etwas irritiert stoppte ich und fragte mich neugierig: Was geht da vor?  So ein öffentliches Reden war auf jeden Fall recht ungewöhnlich.

     Kurz darauf befand ich mich ebenfalls unter den Zuhören und schaute mir den Menschen etwas genauer an. Im Grunde ein ganz normaler Mann, aber von dem doch eine gewisse Faszination ausging. Seine leidenschaftliche des Redens hatte etwas Fesselndes.

    Inhaltlich ging es um den Glauben an Jesus Christus. Das war mir schnell klar, aber darüber hinaus hatte ich doch einige Mühe ihm zu folgen. Vielleicht weil ich zu spät hinzugestoßen war oder mich doch auch andere Gedanken beschäftigten.

    Nach einer Weile wurde mir das Ganze doch zu langweilig und ich beschloss weiterzugehen. Ich hatte mich gerade umgedreht, als mich ein junger Mann ansprach: "Hallo! Mein Name ist Herbert. Ich komme aus Konstanz am Bodensee. Darf ich dich etwas fragen?"

    Ehrlich gesagt fühlte ich mich schon etwas befremdet durch diese direkte Vorgehensweise und hätte normalerweise eher abweisend reagiert. Aber dies war kein Tag wie jeder andere und so nickte ich zustimmend: "Ja, gut! Worum geht es denn?" Herbert lächelte mich  freundlich an: "Hast du eine persönliche Beziehung zu Jesus?"

    Wie schon gesagt, es war kein Tag wie jeder andere, und so fragte ich zurück, wo ich  ansonsten wohl das Gespräch beendet hätte: "Eine persönliche Beziehung zu Jesus? Wie meinst du denn das?"

    Er erklärte mir nun, dass er sich einst zu Jesus bekehrt hätte und der ihn nun im Alltag führen und unterstützen würde. Dies sei nun auch der Grund wieso er hier auf den Kirchentag gekommen wäre. Jesus habe ihn hierher gebracht, damit er Menschen wie mir vom Glauben erzählen könne.

 

Ich war schon einigermaßen verblüfft. So etwas hatte ich ja noch nie gehört. Andererseits stand ich ja auch im Kontakt mit meinen "Verwandten". Warum also sollte er nicht im Kontakt mit Jesus sein!?

  "Weißt du was", sagte er plötzlich, "ich sehe, dass du eine Bibel in der Hand hast. Was hältst du davon, wenn wir zusammen einige Bibelstellen lesen?" Ich überlegte kurz und nickte dann zustimmend: "Ja, warum nicht!?"  So setzten wir uns auf eine kleine Mauer und ich schlug meine Bibel auf.

 

Er nannte mir nun in der Folge einige Bibelverse, die ich dann suchte und laut vorlas. Es begann bei Adam und Eva und der Verteibung aus dem Paradies und endete bei Jesus am Kreuz: "Durch Jesus Christus und seinen Tod am Kreuz wurde Adams Sünde gesühnt!"

  Herbert  erklärte mir, dass man nun wieder mit Gott in einen dauerhaften Kontakt kommen könnte, vorausgesetzt man akzeptiert Jesus als seinen persönlichen Erlöser. "Und das ewige Leben erhält man obendrein!", sagte er lächelnd.

  "Soweit die Theorie!? Aber hält das auch den Praxistest  stand?" fragte ich skeptisch nach. Mein Gesprächspartner versicherte mir enthusiastisch: "Es funktioniert wirklich! Ich habe Jesus mein Leben vor einigen Jahren übergeben und seit der Zeit bin ich wirklich in Kontakt mit Gott!"

    Ehrlich gesagt war ich schon einigermaßen beeindruckt, aber nicht wirklich überzeugt: "Aber was macht dich denn so sicher, dass du wirklich in Kontakt mit Gott bist und dir das nicht Alles nur einbildest?" Ohne zu zögern antwortete er mir: "Seit jener Zeit hat mein Leben sich total verändert und ich erlebe täglich Fingerzeige und Beweise Seiner Liebe! Er hat mich einen ganz neuen Weg geführt!"

 

Das konnte man jetzt glauben oder nicht!? Vielleicht hatte er ja tatsächlich Erfahrungen gemacht, die ich noch nicht kannte. Für einen Moment war ich versucht, ihm von Jürgen und meinem Kontakt zu den verstorbenen "Verwandten" zu erzählen. Aber dann ließ ich es doch lieber bleiben. Vermutlich würde er das nicht richtig verstehen und ihn das Ganze etwas durcheinander bringen. Stattdessen fragte ich ihn: "Und was ist beispielsweise mit den Hindus? Sind sie nicht auch in Kontakt mit Gott? Und was ist mit Ghandi? War er nicht einer der edelsten Menschen, die jemals gelebt haben?

     Er sagte: "Schlag mal das Johannesevangelium auf. Kapitel 14 Vers 6! Und lies vor!" Ich tat wie mir geheißen und als ich es nach kurzem Suchen gefunden hatte, las ich laut:
Jesus sprach zu ihm: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich!
                   

 

Ich war geschockt! Hatte ich richtig gelesen? Jesus war der einzige Weg zu Gott? Ich begann die Dimension dieser Aussage zu begreifen. Wenn das wirklich stimmte, dann war in meinem Leben etwas grundlegend nicht in Ordnung.

     Herbert erbot sich noch ein Gebet für mich zu sprechen. Ich erklärte mich einverstanden. Es kann nicht schaden. Und vielleicht nützt es ja sogar was, dachte ich bei mir selber.  Und so betete er: "Jesus, du hast unser Gespräch mit angehört. Du siehst, dass Heiner wie ein verirrtes Schaf in der Wüste ist und nach Wasser sucht. Lass ihn nicht für die Ewigkeit verloren gehen und errette ihn aus seinem Zustande! Amen!"

 

Ich war zum zweiten Mal geschockt. Herbert sah mich als ein "verirrtes Schaf in einer Wüste" an, dass auf "ewig verloren" zu gehen drohte. Und einer Errettung durch Jesus bedurfte. Nicht gerade schmeichelhaft! Aber ich ging nicht weiter darauf ein und sagte nur: "Amen!" Dann verabschiedete ich mich von ihm und machte mich nachdenklich auf den Weg zu meinem Fahrrad. Als ich es erreicht hatte, fuhr ich aber nicht sofort los. Ich suchte mir einen ruhigen Platz und schlug noch einmal meine Bibel auf. Schnell fand ich, was ich suchte:
Niemand kann zum Vater kommen außer durch mich!
                              

    Ich konnte es immer noch nicht glauben! Was war mit all den Menschen, die eine andere Religion hatten oder an nichts glaubten aber trotzdem „gute Menschen“ waren? Waren sie wirklich alle verloren? Und ich selber? Ich war doch in Kontakt mit meinen verstorbenen „Verwandten“. Und sie hatten doch auch gelegentlich die Bibel zitiert und auch mal von Gott gesprochen!

   Es war irgendwie alles recht verwirrend. Ich schloss die Bibel, blieb aber noch einen Moment nachdenklich sitzen. Nur durch Jesus zu Gott! Wenn es tatsächlich stimmte, dann lief im meinem und im Leben vieler Anderer richtig etwas falsch. Aber wie sollte man herausfinden, ob es stimmte oder nicht?

    Plötzlich kam mir die rettende Idee: Ich frage morgen einfach bei den Verwandten nach! Schließlich hatten sie mir ja schon mehr als einmal bewiesen, dass sie sich mit den Dingen „hinter dem Vorhang“ deutlich besser auskannten als ich.  Spürbar erleichtert stand ich auf und ging hinüber zu meinem Fahrrad. Ich schloss es auf und machte mich auf den Heimweg.

 

 

                      

Der Mann in dem Auto

 

Etwa gegen 23 Uhr kam ich beim “Griechen” vorbei, wo ich einige Stunden zuvor noch mit Jürgen zu Abend gegessen hatte. Es war noch offen und so hielt ich kurz an, um mir eine Flasche Mineralwasser zu besorgen.

     Als ich wieder aus dem Imbiss herauskam und mich auf dem Weg zu meinem Fahrrad machte, fiel mein Blick zufällig in einen am Straßenrande stehenden Wagen. Ich stutzte für einen Moment und trat dann etwas näher an das Auto heran.

    Tatsächlich! Da lag jemand mit seinem Kopf auf dem Lenkrad. Es schien der Gestalt und den Haaren nach zu urteilen ein junger Mann zu sein. Was war mit ihm los? War er bewusstlos, tot oder schlief er nur?  Für einen Moment war ich unschlüssig, was zu tun sei. Dann aber klopfte ich an das Seitenfenster.

    Nichts geschah! Nun war ich doch etwas beunruhigt. Sollte ich vielleicht Hilfe holen? Ich klopfte etwas energischer an das Fenster. Langsam bewegte sich der Kopf vom Lenkrad weg und kurz darauf blickte ich, wie schon vermutet, in das verschlafene Gesicht eines jungen Mannes. Ich gab ihm ein Handzeichen, dass er das Seitenfenster herunterkurbeln sollte. Was dann auch geschah.

     “Alles in Ordnung?”, fragte ich. Er schaute mich verständnislos an. Und erst jetzt bemerkte ich seine glasigen Augen. „ Du lagst hier mit deinem Kopf auf dem Lenkrad“, redete ich weiter, „da wollte ich sicher gehen, dass alles mit dir okay ist.“ Langsam schien ihm zu dämmern, wo er sich befand und was los war. "Ja, ... alles okay", antwortete er mt schwerer Stimme. "Habe etwas getrunken ... war müde." Erleichtert entgegnete ich: "Na, dann bin ich ja beruhigt. Schlaf mal ruhig weiter!" Dann drehte ich mich um und setzte meinen Weg fort.

      Ich hatte gerade mein Fahrrad erreicht, als plötzlich hinter mir ein Motor angelassen wurde. Sollte er wirklich so verrückt sein und …!? Ich drehte mich abrupt um und traute meinen Augen nicht! Der Wagen bewegte sich im Schritttempo vorwärts!

   "Verdammter Alkohol", fluchte ich und gab ihm energische Handzeichen, dass er anhalten sollte.  Er stoppte tatsächlich und schaute mich, als ich erneut an dem Seitenfenster stand, fragend mit glasigen Augen an. „Ja, was… ist denn… noch?“ fragte er.

     Ich riss mich zusammen und entgegnete ihm so freundlich wie möglich: „Du kannst doch in deinem Zustand nicht mit dem Auto fahren!“ Er schaute mich verständnislos an:„Und … warum nicht?“

  Nun riss mein Geduldsfaden: „Warum nicht? Mann, du bist total betrunken! In deinem Zustand schaffst du es nicht mal bis zur nächsten Kurve!“ Und etwas ruhiger fügte ich hinzu: “Komm, mach keinen Blödsinn! Fahr den Wagen wieder an den Rand!“

    Er starrte mich an: “Okay! … Ich fahre … nicht!“ Ich atmete erleichtert durch: ”Glaube mir, es ist besser so!“ Er nickte und schien kurz nachzudenken. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht: „Aber du … du bist nüchtern. ... Du kannst mich fahren!“

 

  Langsam begann die Angelegenheit lästig zu werden. Ich dachte kurz nach. „Nein“, antwortete ich, „das geht nicht! Ich bin nicht in Übung und kenne deinen Wagen nicht!“ Er überlegte einen Moment. „Gut, aber dann ... musst du dich zu mir in den Wagen setzen ... und dich mit mir unterhalten!“ lallte er mit schwerer Zunge. Dann grinste er: „Ansonsten fahre ich! Deine Entscheidung!

     Ich stand einen Moment unschlüssig neben seinem Wagen und suchte nach einem Ausweg. Dann seufzte ich resignierend. Was blieb mir Anderes übrig als seine „Einladung“ anzunehmen? Langsam ging ich hinüber auf die andere Seite. Ich öffnete die Türe und ließ mich auf dem Beifahrersitz nieder.

                                                

Inzwischen war es schon nach Mitternacht und der junge Mann neben mir schlief wieder. Zuvor aber hatte er mir  die Geschichte seines Abends erzählt. Mit Freunden war er bei einem Heimspiel von Fortuna Düsseldorf gewesen und sie hatten reichlich dem Alkohol zugesprochen.

     Nach dem Spiel war er dann zu seiner Freundin gefahren, aber es hatte Streit gegeben. Der eskalierte dann so sehr, dass sie ihn vor die Tür gesetzt hatte. Daraufhin hatte er sich wieder in seinen Wagen gesetzt und war Richtung Heimat gefahren. Auf halbem Wege war er dann so müde geworden, dass er an den Straßenrand gefahren und geparkt hatte. Dort hatte er dann geschlafen, bis ich an die Scheibe geklopft hatte.

     „Immer gibt es Streit wegen dem Saufen. Sie kann es nicht ausstehen“, hatte er gesagt. Und traurig hinzugefügt: “Ich habe Angst, dass jetzt für immer Schluss ist!“ Dann war er  über dem Lenkrad zusammengesackt und wieder eingeschlafen.

     Schweigend saß ich nun neben ihm und lauschte seinem Atem . Ich wollte sichergehen, dass er auch wirklich schlief. Dann öffnete ich vorsichtig die Türe. Jetzt nur keinen Lärm machen!

   Schon war ich halb ausgestiegen, als auf einmal ein  Blitz den Himmel erleuchtete. Es folgte ein lauter Donnerschlag und im nächsten Moment setzte heftiger Regen ein. „Verdammt!“ entfuhr es mir. „Das darf doch nicht wahr sein!“ Ausgerechnet in dem Moment wo ich mich aus dieser unangenehmen Situation befreien wollte, setzte ein Gewitter ein. Schnell zog ich meine Beine in den Wagen zurück und schloss wieder die Türe.

    Ich war ärgerlich und erschrocken zugleich. Hatte sich denn heute alles gegen mich verschworen? Ging das noch Alles mit rechten Dingen zu? Ein seltsamer Gedanke kam mir in den Sinn: Vielleicht ist das ja alles kein Zufall!?

    Während draußen das Unwetter weiter tobte, saß sich resigniert in meinem Sitz und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Es war in den letzten 12 Stunden so viel geschehen. Die Ankündigung von Jürgens bevorstehendem Tode, mein Bibelkauf, das Gespräch mit dem jungen Mann aus Konstanz ..., und nun auch noch diese absurde Geschichte mit diesem betrunkenen Fortunafan.
   Steckt hinter all dem vielleicht ein tieferer Sinn? Aber wenn ja, welcher?  Frustriert starrte ich hinaus in den Regen.

                                

Ich hatte jetzt schon eine ganze Weile auf das Ende des Regens gewartet, als mir ein blaues Plakat an einer Litfaßsäule auffiel. Es hing in etwa zwei Meter Entfernung von mir und war das einzige Plakat an der Säule. In der Dunkelheit war auch nur ein einziges Wort deutlich lesbar. Genau in der Mitte stand in großen Buchstaben das Wort Paulus geschrieben.

    Vermutlich hätte ich nicht länger darüber nachgedacht. Aber angesichts der letzten zwölf Stunden begannen sich meine Gedanken erneut in Bewegung zu setzen: Paulus … Die Bekehrung des Saulus zum Paulus.

 Bruchstückhaft begann ich mich an die Geschichte des Apostels Paulus zu erinnern, wie ich sie in meiner Kindheit gelernt hatte.

    Saul war ein frommer Jude, ein Pharisäer, gewesen und hatte die ersten Christen verfolgt. Aber auf dem Weg von Jerusalem nach Damaskus war ihm Jesus in einem Licht erschienen und hatte zu ihm gesagt:„Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Und dann hatte sich Saulus zum Glauben an Jesus bekehrt und war unter dem Namen Paulus ein berühmter christlicher Missionar geworden.

   Seltsam, dachte ich, jetzt sitze ich hier mitten in der Nacht in einem fremden Wagen ausgerechnet vor so einem Plakat! Und das kurz nach einem Gespräch, in dem es um eine Bekehrung zu Jesus gegangen war. Konnte dies ein Zufall sein?

   Mir fiel das Gebet des jungen Mannes aus Konstanz wieder ein: „Jesus, bitte zeige ihm, dass du wirklich der Herr bist und lass ihn dich finden!“ Bestand da vielleicht ein Zusammenhang zwischen diesem Gebet und dem Plakat?

 

Der junge Mann neben mir begann sich zu bewegen und hob den Kopf vom Lenkrad. Für einen Moment starrte er mich irritiert an. Dann aber schien seine Erinnerung zurückzukommen. „Na,“ sagte ich, „geht`s besser?“ Er lächelte etwas gequält: „Ja, ich fühle mich besser! Habe ich viel Blödsinn erzählt?“ „Nein, nein!“, entgegnete ich, “mach dir keine Sorgen!“ “Gut” , sagte er, “dann wollen wir mal!” und drehte den Zündschlüssel herum.

    „Bist du sicher?“, fragte ich. „Ja”, antwortete er. “Alles in Ordnung. Wo wohnst du? Ich fahr dich nach Hause!”

Draußen prasselte nach wir vor der Regen auf die Strasse und die Kühlerhaube. Ein Ende war nicht absehbar. „Gut“, sagte ich, „dann lass uns mal losfahren!" Tatsächlich kam ich wohlbehalten zu Hause an und schlief recht schnell erschöpft ein.

 

                      

 

                               Ein neuer Schock

 

Am nächsten Morgen wurde ich recht früh wach und stand sofort auf. Ich wollte mir Gewißheit verschaffen. War Jürgen inzwischen wirklich gestorben und bei meinen „Verwandten“?

    So traf ich die üblichen Vorbereitungen und setzte mich mit einer Tasse Tee an den Küchentisch und wartete auf ein Lebenszeichen meiner „Verwandten.  Kurze Zeit später setzte sich das kleine Tischchen in Bewegung und auf dem Bogen Papier war deutlich lesbar: Willi_und _alle Anderen_grüssen_dich_Wie_geht_ es: dir?

   Sogleich fühlte ich mich etwas besser. „Sie“ waren also alle wieder da und wie meistens war „Onkel Willi“ mein Gesprächspartner.

     Ich kam nun ohne Umschweife zur Sache und fragte in den Raum hinein: „Ist Jürgen gestorben?“ Das Tischchen setzte sich erneut in Bewegung: Ja_er_ist_jetzt bei_uns!

    Also war es tatsächlich geschehen. Ich atmete tief durch und sagte dann: „Gut, dann kann ich ja nun mit ihm die versprochene Schachpartie spielen, oder?“ Es entstand eine kleine Pause. Dann kam die Antwort: Das_ist_im_Moment_nicht_möglich_Er_hat

einen_schweren_Todeskampf_gehabt_ und_ ist_noch_sehr_erschöpft

 

Diese Mitteilung überraschte mich etwas. Ich war naiver Weise davon ausgegangen, dass mit dem Hinüberwechseln in die andere Welt gleich alle menschliche Mühsal vorbei sein würde. Offensichtlich war dem aber nicht so!                                                                                                                  Das kleine Tischchen erneut in Bewegung und dann erschien eine zittrige Schrift auf dem Bogen Papier. H_a_ll_o_H_ei_n_er.

Das ist Jürgen!, schoss es mir durch den Kopf. Und ich fühlte Freude in mir hochsteigen: „Hallo Jürgen“, sagte ich laut in den Raum hinein. „Schön, dass du bei meinen Verwandten bist!“

    Dann lachte ich: „Heute darfst du nicht noch etwas schonen. Aber morgen bist du fällig. Dann spielen wir eine Partie Schach … und du wirst verlieren! Wie immer! Also, dann bis morgen!“

     Ich stand vom Küchentisch auf und goss mir eine weitere Tasse Tee ein. Im Prinzip war doch alles „gut“ gegangen. Jürgen war nun bei meinen „Verwandten“ und der Kontakt zu ihm würde bestehen bleiben. Eben nur mittels des kleinen Tischchen stattfinden.

     Ob er jetzt besser Schach spielen wird als früher?

 Der Gedanke ließ mich für einen Moment schmunzeln. Auszuschließen war das nicht. Denn auch meine „Verwandten“ besaßen ja offensichtlich deutlich mehr Informationen als ich.                                                    

 

Ich setzte mich wieder an den Küchentisch. Plötzlich kamen mir die Worte vom Vorabend wieder in den Sinn. "Jesus ist der einzige Weg zu Gott!" hatte der junge Mann aus Konstanz behauptet und mir ja jene eine Bibelstelle im Neuen Testament gezeigt.   Mal davon ausgehend, dass meine “Verwandten” über mein Gespräch vom Vorabend Bescheid wussten, fragte ich nun ohne Umschweife in den Raum hinein: “Stimmt das eigentlich, dass Jesus der einzige Weg zu Gott ist?”

   Einen Moment lang geschah nichts, aber dann setze sich das kleine Tischchen wieder in Bewegung: Ja_Jesus_ist_ein_Weg_zu_Gott!_Aber_es_gibt_noch_viele_andere!  

Ah, das ist es also, dachte ich bei mir selber. Es gibt also doch verschiedene Wege, die zu Gott führen!

    Meine Neugier war nun gestillt und so wechselte ich das Thema. Ich stellte meinen „Verwandten“ eine andere Frage. Zu meiner Überraschung aber ging „Onkel Willi“ darauf nicht ein, sondern begann etwas über einen meiner Freunde zu schreiben. Ich las es und stutzte. Das kann aber nicht sein! dachte ich irritiert. Es war ganz offensichtlich eine Unwahrheit.                                      

 

Erneut erhob ich mich vom Küchentisch und begann in der Wohnung umherzugehen. Was ging hier ab? Wieso erzählte mir „Onkel Willi“ diese offensichtliche Unwahrheit? Wusste er es nicht besser oder wollte er mich absichtlich täuschen?

  Ich spürte eine seltsame Furcht und Ahnung in mir hochsteigen. Langsam begab ich mich zurück in die Küche, schaute zur Decke und sagte dann jedes einzelne Wort betonend: „Was ist hier eigentlich los?“

   Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Aber auf keinen Fall das, was nun geschah. Das kleine Tischchen setzte sich augenblicklich in Bewegung und raste mit hoher Geschwindigkeit über den Bogen Papier.

    Die wütende Heftigkeit dieser Bewegung erstaunte mich. Was aber überhaupt nichts an der Präzision des Geschriebenen änderte. Kurz darauf las ich mit ungläubigen Augen in gestochenen scharfer Schrift :
WENN_DU_DICH_NOCH_JEMALS_WIEDER_AN_UNS_WENDEN_WIRST_WIRD_ETWAS_GANZ_SCHRECKLICHES_PASSIEREN

 

Ich war total geschockt! Angewurzelt stand ich vor dem Küchentisch und spürte, wie mich blankes Entsetzen erfasste. Dann begann ich wieder in der Wohnung auf und ab zu gehen. Ich versuchte meine Nerven in den Griff zu bekommen und meine Gedanken zu sortieren. Was ist los? Immer und immer wieder ging mir dieser Gedanke durch den Kopf. Wieso bedrohten mich plötzlich meine „Verwandten“? Was hatte ich falsch gemacht?

   Aber so sehr ich mir auch das Hirn zermarterte, ich konnte einfach keine vernünftige Antwort darauf finden. Es ergab einfach alles keinen Sinn.  Aber eines war mir klar: Ich bin in Gefahr! Es muss etwas geschehen! Ich zog mir eine Jacke über und verließ die Wohnung.


                      

 

                        4. Die Rettung

                            

                                                                                           Durstig!

 

Wohin? Tief in mir spürte ich eine bohrende Angst! Die Dinge waren mittlerweile völlig außer Kontrolle geraten und ich hatte keine Ahnung, was eigentlich los war. So beschloss ich, erst einmal zum „Griechen“ zu fahren, wo ich in der Nacht mein Fahrrad hatte stehen lassen. Danach würde ich weitersehen.

     Während ich nun an einer nahegelegenen Haltestelle auf einen Bus wartete, brach wie schon in der Nacht ein heftiges Gewitter los. Innerhalb weniger Minuten war die Straße etwa zehn Zentimeter hoch mit schlammigem Wasser überflutet, was in hohem Tempo bergab schoss.
   Jetzt spielt auch noch die Natur verrückt!  Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob da vielleicht ein Zusammenhang zwischen dem Unwetter und der Warnung der „Verwandten“ bestünde. Immerhin hatte ich noch nie zuvor in meinem Leben einen solchen Sturzbach erlebt. Wieso also ausgerechnet jetzt?

    Aber kurz darauf hörte der Regen dann wieder auf und die Straße war bald darauf wieder fahrtauglich. Nur einige Schlammreste zeugten noch von dem vorangegangenen Spuk. Als wenig später dann der Bus kam, hatte ich die ganze Angelegenheit auch schon wieder vergessen.

   Am griechischen Imbiss stieg ich aus und fuhr mit dem Fahrrad weiter in Richtung Altstadt. Ein bisschen Normalität und Sicherheit in unübersichtlichen, bedrohlichen Situation würde mir guttun. Dort angekommen angekommen stellte ich fest, dass vom Trubel des Vorabends kaum noch etwas zu spüren war. Nur ganz sporadisch sah man einzelne Kirchentagbesucher und auch die Bücher- und Imbissstände hatten zumeist noch nicht geöffnet.

     So begab ich mich in mein früheres Stammlokal und hoffte, dort einige Bekannte zu treffen. Aber niemand war da. Ich setzte ich zu zwei Backgammonspielern an den Tisch und schaute uninteressiert dem Spiel zu. Vielleicht würde ja noch ein Bekannter kommen.

    Nach etwa einer Viertelstunde aber verlor ich die Geduld und fragte einen der Spieler: „Sag mal, wo sind denn die ganzen anderen Leute?“ Er schaute kurz vom Spiel auf und zuckte dann mit den Schultern: „Keine Ahnung! Aber heute ist ja Feiertag. Vielleicht kommen die später noch!“

     “Feiertag? Was für ein Feiertag?”, fragte ich verdutzt nach. „Ach, irgend so einer von der Kirche“, lautete sein knapper Kommentar. Er war schon wieder ins Spiel vertieft. „Happy Kadaver!“ sagte plötzlich der andere und lachte. Als ich ihn verständnislos anstarrte, ergänzte er: „Fronleichnam!“ Dann fielen wieder die Würfel und beiden waren erneut vertieft in ihr Spiel.

  

Mir reichte es. Ich stand auf und verließ das Lokal. Ziellos ging ich durch eine der schmalen Altstadtgassen und überlegte, was ich nun tun könnte. Aber mir fiel nichts Rechtes ein. Gut, dann fahre ich einfach wieder nach Hause!, sagte ich schließlich zu mir selber.

    Gerade hatte ich den Innenstadtbereich hinter mir gelassen, als mich von einer Sekunde auf die andere ein spontanes Durstgefühl überkam. Seltsam, wunderte ich mich.  Ich konnte mich nicht erinnern, so ein spontan-dringliches Gefühl vorher schon einmal verspürt zu haben Ich hielt mein Fahrrad an und blickte mich um. Wo bekam ich jetzt etwas zu trinken her?

    

Auf der gegenüberliegenden Seite sah ich einen Supermarkt und wollte mich schon in diese Richtung bewegen, als mir der „fröhliche Kadaver“ wieder einfiel. Mist, ist ja Feiertag heute! Und tatsächlich ging niemand in den Supermarkt rein oder kam von da heraus.

     Ich schaute mich nach einem Kiosk oder etwas Ähnlichem um. Aber auch da: Fehlanzeige!  In einiger Entfernung eine kleine Menschenansammlung vor einem größeren Gebäudes stehen. Was war da los? Worauf warteten sie?  Mein Blick glitt die Gebäudewand hoch. Auf einer grünen Wand las ich einen orangen Schriftzug: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben

      Das kam mir bekannt vor. Natürlich, der Bibelvers vom Vorabend! … und ich ergänzte im Geiste  …und niemand kommt zum Vater außer durch mich. War das nicht seltsam? Schon wieder dieser Bibelvers. Erst jetzt, als mein Blick noch höher glitt, sah ich die riesigen Buchstaben auf dem Dach des Gebäudes:            J E S U S H A U S

   Augenblicklich fiel mir wieder jener denkwürdige Abend mit Frank, dem „Selbstmörder“ im Park, ein. Ich erinnerte mich an Franks Worte: „Das sind die Jesusfreaks … die haben eine Teestube. Da gibt es Tee und Kekse umsonst … und man kann sich auch ganz gut mit denen unterhalten!“

   Im Hause schien eine Veranstaltung zu laufen. Warum standen sonst so viele Menschen vor dem Eingang. Vielleicht hatte ich ja Glück und es gab da drinnen tatsächlich etwas zu trinken. Ich  schloss meinen an einen Laternenpfahl und ging  schnurstracks auf den Eingang zu.

    Ich hatte schon den Türgriff in der Hand, als sich plötzlich eine Hand auf meinen Arm legte: „Du kannst da jetzt nicht rein“, sagte eine freundliche, aber auch entschiedene Stimme.

    Etwas verwirrt nahm ich die Hand vom Griff und schaute nach der Quelle der unerwarteten Störung. Ein etwa 25 jähriger Mann blickte mich ernst, aber nicht unfreundlich an. Ich entdeckte eine Binde mit der Aufschrift „Ordner“ an seinem rechten Arm.  An der anderen Seite der Glastüre nahm ich einen weiteren Ordner wahr.

     „Aber wieso denn nicht?“, fragte ich nach. Denn offensichtlich war etwas los im Gebäude. Warum standen sonst die Leute davor?“ Ist im Moment wegen Überfüllung geschlossen. Drinnen spielt eine bekannte christliche Rockband!“ Eine christliche Rockband? So etwas gab es? Egal! Ich hatte Durst und war nicht gewillt, mich aufhalten zu lassen. „Ach komm“, bat ich. „Ein Zuhörer mehr oder weniger spielt doch keine Rolle!“

      Aber er blieb hart: „Nein, das geht wirklich nicht. Wir haben klare Sicherheitsauflagen.” Er wies mit dem Arm hinter mich: “Die wollen auch da rein.  Nur wenn jemand rauskommt dürfen wir jemand Neues hineinlassen.“

     Ich startete einen letzten Versuch: „Kannst du nicht bei mir eine Ausnahme machen? “  Er schaute  mich für einen Moment forschend an. Dann sagte er plötzlich: „Gut, geh rein!“ Er öffnete die Tür und ich huschte hinein.

       Während sich die Tür wieder hinter mir schloss und ich die ersten Treppenstufen hochging, hörte ich die wütenden Proteste derjenigen, die draußen weiter warteten.

An einer Wand war ein riesiges Bild einer sprudelnden Quelle aufgemalt. Darunter stand: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ (Johannes 7,37)

Ich musste an mein spontanes Durstgefühl von zuvor denken: Seltsamer Zufall! Aber im Grunde genommen wunderte mich mittlerweile schon fast gar nichts mehr.

 

Rockmusik dröhnte mir deutlich vernehmbar entgegen. Sie kam irgendwo von oben. Schließlich stand ich vor einer halb geöffneten Saaltüre. Von drinnen drang ohrenbetäubender Lärm heraus. Einen Moment lang zögerte ich, dann begab ich mitten hinein in den lärmigen Trubel.

    Nach einigen Sekunden hatte ich mich orientiert. Ich befand mich in einer Art großem, halbdunklem Kinosaal, der tatsächlich völlig überfüllt zu sein schien. In den Sitzreihen und Seitengängen saßen und standen dicht gedrängt zumeist junge Leute, deren ganze Aufmerksamkeit dem Geschehen vorne auf der hell beleuchteten Bühne galt, wo eine Rockband ihr Bestes gab und sich offensichtlich total verausgabte. Angefeuert durch das frenetische Schreien, Kreischen, Stampfen und Jubeln des Publikums.

      Glücklicherweise fand ich noch einen freien Platz an einer Seitenwand. Und während ich dem lärmigen Treiben auf der Bühne und im Saal wie in Trance zuschaute, drifteten meine Gedanken schnell in meine eigene „Welt“ ab.

     Ich dachte wieder über Jürgens bevorstehendenTod und die furchtbare, unerklärliche Drohung meiner „Verwandten“ nach: Wenn du uns jemals wieder bei uns meldest, wird etwas Schreckliches geschehen hatten sie geschrieben. Der Gedanke daran ließ mich erneut schaudern. Was hatte „sie“ so verändert, dass „sie“ mich offen bedroht hatten? Was habe ich falsch gemacht? Aber so sehr ich auch darüber grübelte, ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Es war und blieb einfach unbegreiflich!

 

Plötzlich wurde es ganz ruhig im Saal.  Die Band hatte aufgehört zu spielen und der Sänger war vorgetreten. Er hielt ein Mikrophon in der Hand und begann zu sprechen. Mit kräftiger Stimme erzählte er, dass Jesus sein Leben verändert hätte und dass Er dies auch im Leben aller Anwesenden zu tun beabsichtige... man müsse es Ihm nur erlauben: "Gib dein Leben Jesus und Er wird es völlig neu machen!"

      Diese Botschaft kannte ich ja nun mittlerweile schon vom Vorabend. Aber sie nun auch noch aus dem Munde dieses ausgeflippten Rocksängers zu hören, überraschte mich jetzt doch etwas: „Jesus und diese chaotische Musik. Wie geht das denn zusammen?“ fragte ich mich insgeheim. Ich schaute mich im Saale um. Aber offensichtlich hatte sonst keiner ein Problem damit.

    Ganz im Gegenteil schienen sie an seinen Lippen zu hängen und seine Worte begierig aufzunehmen. Ab und zu war ein zustimmendes “Halleluja“ oder ein „Preis den Herrn“ zu vernehmen.

   Kurz darauf legte die Band erneut los. Ich verließ den Saal und ging die Treppe hinunter, die ich einige Minuten zuvor heraufgekommen war.

 

 

Der Herr kommt bald!

 

Unten angekommen stellte ich fest, dass mittlerweile die Eingangstüre geöffnet worden war. Die beiden Türhüter und auch die Wartegruppe von vorher waren nicht mehr zu sehen. Ich wollte schon das Jesushaus wieder verlassen, als mir auf einmal eine kleine, offene Seitentüre auffiel. Darüber stand in dicken Buchstaben BUCHLADEN geschrieben.

  Mir fiel plötzlich der eigentliche Grund meines Aufenthaltes im Jesushaus ein Eigentlich hatte ich ja etwas trinken wollen. Und so änderte ich meine Richtung und trat in den Laden.

    Der Raum war nicht allzu groß und die Wände vollgestellt mit Bücherregalen.  Ich sah  in einer Ecke  einen Tisch, auf der eine riesige Kaffeemaschine und zwei Kuchenbleche standen. Ich war am Ziel meiner Wünsche angelangt.

 

Wenig später stand ich in der Mitte des Raumes und genoss Kaffee und Kuchen. Ich begann mich wieder etwas besser zu fühlen. Für einen Moment war meine kleine Welt wieder in Ordnung.

    Doch plötzlich drehte sich die Frau, die mich kurz zuvor bedient hatte, ohne einen erkennbaren Grund herum und schaute mir mit ihren blauen Augen direkt ins Gesicht. Dann sagte sie ganz ruhig: „Der Herr kommt bald!“ Ohne eine Erwiderung von mir abzuwarten, wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu.

   Ich stand wie angewurzelt auf meinem Platz und hatte das Gefühl, als wenn sich gleich der Erdboden unter mir auftun würde. Mein Schädel dröhnte wie nach einem Gongschlag in allernächster Nähe. Panik stieg in mir hoch. Was hat das zu bedeuten? Warum sagt sie so etwas zu mir?

   Für mich stand außer Frage, dass jemand Anderes als die Frau zu mir gesprochen hatte. Sie lediglich ein Medium für eine Botschaft an mich war. Und dass es jetzt wirklich ernst wurde! Aber wer hat da zu mir gesprochen? Etwa meine „Verwandten“? Ich spürte eine neue Schockwelle durch meinen Körper laufen. Hatten sie eine solche Macht?

    Aber die Rede war von einem Herrn Was für ein Herr?, fragte ich mich angstvoll. Und was heißt: Er kommt gleich? War das eine Todesankündigung? Hatte meine letzte Stunde geschlagen? Würde ich nun sterben? Ich fühlte mein Leben jetzt ernsthaft in Gefahr. Es würde etwas geschehen und es „kommt bald“. So jedenfalls hatte die „Botschaft" gelautet.

   Bleib ruhig! befahl ich mir selber. Und tatsächlich beruhigte ich mich etwas. Auf jeden Fall muss ich unter Menschen bleiben!  war mein nächster Gedanke. Seltsam, dass man in Gefahr instinktiv die Nähe und von anderen Menschen sucht. Selbst wenn sie einem nicht näher bekannt sind.

 

Draußen vor dem Jesushaus waren inzwischen Tische und Stühle aufgebaut worden. Ich setzte mich zu einem jungen Paar und einem älteren Mann an den Tisch.  „Der Herr kommt bald!“ Immer wieder kam mir dieser Satz in den Kopf. Aber es war zwecklos. Es gelang mir einfach nicht, den Sinn dahinter zu deuten.

  Zwischen dem jungen Paar und dem älteren Mann ein recht lebhaftes Gespräch entstanden. Es ging wieder um den Glauben an Jesus. Offensichtlich versuchte der Ältere die beiden Anderen zu überzeugen.

  Ich  begann den älteren Mann zu beobachten. Er sprach leidenschaftlich und mit Überzeugung. Das gefiel mir. Überhaupt machte er einen recht sympathischen Eindruck auf mich. Vielleicht würde es mir helfen, wenn ich mit ihm mal reden könnte!? , dachte ich plötzlich. In diesem Moment standen alle drei auf, es wurden Hände geschüttelt und dann spazierte das Pärchen davon.

  Der ältere Mann war stehen geblieben und schaute nun zu mir herüber. Er schien über etwas nachzudenken. Dann gab er sich plötzlich einen Ruck und kam direkt auf mich zu: „Hallo“, sagte er, „ich heiße Karl. Haben Sie Probleme?“

    Ich war ziemlich überrascht, so direkt von ihm angesprochen zu werden. Sieht man mir das so an, dass ich in Problemen stecke? fragte ich mich unwillkürlich. Offensichtlich war es so! Ich lächelte etwas gequält und sagte: „Ja, das könnte man so sagen!“ Seine nächste Frage kam ohne Zögern: „Kennen Sie den Herrn Jesus?“

    Normalerweise wäre hier für mich Schluss gewesen. Das war mir viel zu übergriffig. Aber es war nun mal kein Tag wie jeder andere und ich suchte ja auch Hilfe. Und so antwortete Ich: „Ja, schon! Aber vermutlich nicht so, wie Sie das meinen!“  Er nickte verständnisvoll und sagte dann: „Wollen wir zusammen beten?“

     Ich schwieg einen Moment lang betreten. Wann hatte ich das letzte Mal gebetet? Ich konnte mich nicht erinnern. Vielleicht in der Kindheit. Aber warum eigentlich nicht? , dachte ich plötzlich. Schaden konnte es ja nicht.

 „Ja, einverstanden“, entgegnete ich. Dabei blickte ich mich kurz um. Ringsum saßen noch Leute an den Tischen. „Aber nicht hier!“ „Das ist kein Problem“ , meinte er. „Drinnen im Jesushaus gibt es einen kleinen Gebetsraum. Dahin können wir gehen.“ Ich erhob mich und wir gingen gemeinsam hinein ins Jesushaus.

 


                    

                              Der Besuch des Herrn

 

 

Im ersten Stockwerk befand sich tatsächlich ein kleiner Raum, an dessen Türe ein Pappschild mit der Aufschrift “Gebetsraum” angebracht war. Zum Glück war er leer. Wir setzen uns und schwiegen für einen Moment. Ich hatte keine Ahnung, wie es nun weitergehen sollte. Da sagte der alte Mann plötzlich: "Du kannst jetzt dein Gebet sprechen. Ich weiß nicht genau,was in diesem Moment in mir vor sich ging.

   Aber ich konnte nicht sprechen. Stattdessen liefen mir Tränen über das Gesicht, ohne dass ich sie zu stoppen vermochte. Er wartete geduldig, bis ich mich beruhigt hatte und fragte dann vorsichtig: „Was ist los?“

   Ich schüttelte den Kopf und entgegnete: „Ich kann nicht beten. Ich weiß nicht, was ich sagen soll!“ „Gut“, meinte er, „das ist kein Problem. Dann machen wir es so, ich bete ich einen Satz vor und du sprichst ihn einfach nach. Vor Gott gilt das genauso, als wenn es direkt von dir kommen würde. Bist du einverstanden?“ Ich nickte.  

  

Und so begann der der alte Mann zu beten: „Herr Jesus, du siehst mich hier verzweifelt und niedergeschlagen vor dir sitzen.“ Er machte eine Pause und ich wiederholte den Satz. Dann fuhr er fort: „Du kennst mich besser als ich mich selber. Bitte vergib mir, dass ich dich so lange ignoriert und ohne dich gelebt habe.“ Woher wusste er das? Egal, ich wiederholte den Satz!

   “Jesus, ich übergebe dir nun mein Leben. Bitte vergib mir meine Sünden und leite mich von nun an deinen Weg. Ich will dir folgen!“ Während ich den Satz laut nachbetete, dachte ich: Eine Lebensübergabe an Jesus? Aber das habe ich doch gar nicht vorgehabt.

     Aber es war jetzt keine Zeit zum Nachdenken, denn er sprach schon den nächsten Satz: „Danke Gott, dass du mein Gebet erhört hast und ich jetzt dein Kind bin…. Amen!“ Ich wiederholte auch diesen Satz und öffnete ich meine Augen. Karl ergriff meine Hand und schüttelte sie herzlich: „Gratuliere! Jetzt bist du ein Kind Gottes!“

     Ich lächelte etwas gequält. Aber bevor ich noch etwas entgegnen konnte stand er auf und sagte: „Warte hier! Ich will kurz zu meiner Frau. Die hat immer ein Buch für Neubekehrte dabei. Das wird dir bei deinen ersten Schritten in deinem neuen Leben als Christ helfen!“
Ein paar Sekunden später schloss sich die Türe hinter ihm und ich blieb alleine im Raum zurück.

 

Ich begann nachzudenken. Gut, er hat mich überrumpelt! Von einer Lebensübergabe an Jesus war im Vorfeld in keiner Weise die Rede gewesen. Will ich das wirklich?

    Auf einmal stand mir klar vor Augen, dass ich eine Entscheidung zu treffen hatte. Sollte meine Lebensübergabe nun gelten oder nicht? Ich hielt einen Moment inne. Was habe ich eigentlich zu verlieren?  Ich hatte ja sowieso vorgehabt, die Bibel zu studieren und danach vielleicht Jesus mein Leben zu geben. Warum also nicht sofort? 

    Und dann traf ich meine Entscheidung: Die Lebensübergabe soll von meiner Seite aus gelten!

Augenblicklich verspürte ich eine große innere Erleichterung und im selben Moment wusste ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

    Mir kamen wieder die Worte von der Frau aus dem Buchladen in den Sinn: „Der Herr kommt bald!“ Und plötzlich begriff ich es.  Der Herr, der sein Kommen dort angekündigt hatte, war soeben da gewesen und hatte mich in seine Nachfolge gerufen. So wie er es bei Paulus getan hatte.

 

                                        Die Versammlung

 

Kurz darauf  kehrte Karl zurück. Er überreichte mir ein Buch und meinte: "Das wird dir in der erste Zeit helfen ". Ich blickte auf den Buchtitel und las: Erste Schritte im Glauben. "Das ist ein Geschenk von meiner Frau. Sie möchte dich übrigens kennen lernen!" Wir verließen gemeinsam den Raum und gingen hinauf in den Saal, wo zuvor die Band gespielt hatte.

  Zu meiner Überraschung war er immer noch recht gut mit Menschen gefüllt, obwohl die Bühne nun leer war. Jung und alt saßen oder standen in den Sitzreihen und es herrschte ein munteres Geplauder. Wir gingen ganz nach vorne und in die zweite Sitzreihe hinein. Dort stellte mich Karl seiner Frau vor.                                                                                                                 Sie  begrüßte mich mit herzlichen Worten: "Ah, Sie sind also der junge Mann, der sich soeben zum Glauben an Jesus bekehrt hat. Ich beglückwünsche Sie. Das war die beste Entscheidung ihres Lebens!" Ich lächelte: "Das will ich hoffen!"

  Wir plauderten noch eine ganze Weile miteinander und ich vergaß die Umgebung. Plötzlich setzte erneut Musik  ein. Aber im Gegensatz zu vorher kein harter Rock, sondern melodisches Gitarrenspiel.

   Ich schaute überrascht zur Bühne hoch. Dort hatte sich eine Gruppe junger Leute versammelt, die offensichtlich bald zu singen gedachten. Als ich gerade überlegte, ob ich nicht besser mich verabschieden und gehen sollte, meinte Karls Frau: "Jetzt fängt hier ein Gottesdienst an. Das ist bestimmt interessant für Sie!" Und so setzte ich mich hin und blieb.

Mit dem Wort Gottesdienst verband ich in erster Linie jene unendliche Kette von Sonntagvormittagen, die ich in meiner Kindheit in katholischen Kirchen zugebracht  hatte. Und eine Langeweile ob der fast immer gleichen ernsten, würdevollen Liturgie.
   Wie schon gesagt, war ich als Kind gläubig gewesen und hatte  diese Gottesdienstbesuche auch nicht weiter in Frage gestellt. Anfangs hatte mein Stiefvater darauf bestanden, später ging ich freiwillig hin. Es gehörte einfach zu einem Sonntagvormittag dazu.

   Schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass dieser Gottesdienst  im Jesushaus mit denen aus Kindertagen in keiner Weise zu vergleichen war. Hier ging es recht locker und fröhlich zu. Die Musikgruppe vorne auf der Bühne wirkten  als eine Art Animateure. Sie stimmten ein christliches Lied an und dann wurde der entsprechende Liedtext an der Bühnenrückwand angezeigt. Sofort stimmten die Leute im Saal, zumeist stehend,  laut und fröhlich ein in den Gesang ein. So fröhlich ging es zu, dass ich mich gelegentlich verstohlen umschaute. War ich hier wirklich in einem Gottesdienst?
  
Karls Frau  mochte mein Erstaunen gespürt haben, denn sie sagte plötzlich: "Das ist der Lobpreis. Wir singen die Lieder zur Ehre Gottes. Schließlich soll Er sich ja wohlfühlen unter uns! " Sagte es und streckte erneut die Hände in die Höhe und sang weiter.
  Ich verlor schnell meine anfängliche Scheu, sang erst leise und dann kräftig mit. Die Melodien und Texte waren einfach gehalten und es machte  Spaß, sie mitzusingen.

Der Lobpreis dauerte etwa eine halbe Stunde und mündete in einem längerem Applaus und lauten Hallelujarufen. Dann setzen sich alle im Saal erst einmal hin und die Sänger und Musiker auf der Bühne nahmen im Hintergrund zwanglos Platz.
  Eine junge Frau aus dem Publikum betrat nun die Bühne! Sie schien ein wenig nervös zu sein, was sich aber nach einigen Augenblicken legte. Sie erzählte, dass Jesus ihr geholfen hätte eine Arbeitsstelle zu finden. Was mit einigen Hallelujas aus dem Publikum kommentiert wurde. "Ein schönes Zeugnis vom Handeln Gottes", kommentierte Karls Frau.
   Danach gab es ein Zeugnis eines älteren Mannes, ein weiteres Lied und dann trat ein Mann mittleren Alters ans Rednerpult. Augenblicklich kehrte Ruhe im Saal ein. Er blickte einen Moment ins Publikum, schlug dann seine Bibel auf  und sagte dann: "Lasst uns beten, dass der HERR sein Wort segnet!"

Während des Gebets beobachtete ich den Pastor etwas genauer. Er besaß ein recht  markantes Gesicht, welches von einem gepflegten Bart umrahmt wurde. Er sprach ruhig und bedächtig.
  Danach blickte er lächelnd in den Saal: " Guten Abend miteinander! Für die, die mich noch nicht kennen, - mein Name ist ... und ich  bin der Pastor der Gemeinde. Aber es ist auch nicht so wichtig mich zu kennen.“ Er machte eine kleine bedeutungsvolle Pause.  „Wichtiger ist es den Herrn Jesus zu kennen. Und es ist nicht so wichtig, dass ich heute Abend hier bin, sondern dass Jesus da ist. Und dass er durch Sein Wort zu uns spricht!" Im Saal laute Hallelujarufe!
   Er fuhr fort: "Und wenn du ihn noch nicht kennst, so hast du heute Abend die Gelegenheit, ihn kennen zu lernen". Wieder eine kleine Kunstpause, wieder einige Hallelujarufe im Saal. Nun erhob er etwas seine Stimme und blickte ernst ins Publikum: "Er kennt dich ganz genau und wartet auf dich. Also, richte dich darauf ein, dass er dir heute Abend noch begegnen will."

Predigten waren mir eher als eine langweilige Angelegenheit in Erinnerung. Aber dieser Mann beherrschte offensichtlich sein "Handwerk". Obwohl die Predigt über eine Stunde dauerte, herrschte eine durchgehende Aufmerksamkeit im Saal. Der Mann verstand es auf eine subtile Art und Weise seine Zuhörer zu fesseln.

  Inhaltlich sprach er zuerst vom Gläubigwerden an Jesus: „Niemand kann aus sich selber heraus an Jesus gläubig werden. Es geht dem immer ein Handeln Gottes voraus.“ Er belegte seine Behauptung mit einem Vers aus dem Johannesevangelium :
Jesus sprach: Deshalb habe ich gesagt, dass niemand zu mir kommen kann, es sei ihm denn von meinem Vater (also Gott) gegeben

   Als Nächstes sprach er dann darüber, was beim Gläubigwerden an Jesus mit einem Menschen geschieht:  " Er wird von neuem geboren! Dies ist ein geheimnisvoller innerer Vorgang. Man wird vom Geschöpf Gottes zu einem Kind Gottes!"

 Zum Schluss sprach er noch über Heilung von körperlichen und seelischen Gebrechen durch Gottes übernatürliches Handeln. Danach sprach er ein abschließendes Gebet und lud dann insbesondere die Neubekehrten ein, nach vorne vor die Bühne zu kommen.

 Nach einigem Zögern stand ich auch auf und ging mit etlichen Anderen nach vorne vor die Bühne.

 

 Während im Hintergrund leise Instrumentalmusik spielte, erklärte uns der Pastor, dass er nun ein Segensgebet für uns sprechen wolle. Wir sollten einfach unser Herz weit für Gott öffnen  und versuchen leise mit zu beten.
    So geschah es dann auch. Der Pastor betete laut, wir beteten leise mit, im Hintergrund die Musik ... und ich hatte das Gefühl mich inmitten eines starken "Kraftfeldes" zu befinden. War das die "Kraft Gottes", um die der Pastor gerade für uns betete?

Wenig später war dann diese Gebetszeit vorbei und der Pastor beendete nun den offiziellen Teil des Gottesdienstes. Er fügte aber hinzu: " Aber natürlich sind alle herzlich eingeladen, sich noch weiter im Hause aufzuhalten. Wer mag, kann sich auch in die Teestube begeben. Dort gibt es kostenlos Getränke und Gebäck. Ansonsten wünsche ich allen einen guten Heimweg und Gottes Segen."                                                                                                       Schon  befand ich mich  mit vielen Anderen auf dem Weg zum Ausgang, als er auf einmal erneut die Stimme des Pastors vernahm: „Jetzt ist noch Zeit für persönliche Gebete. Wer Schuld auf sich geladen hat, - also beispielsweise Diebstahl, Ehebruch, Okkultismus..., der kann die Sache nun mit Gott ins Reine bringen. "

    Ich stutze und blieb stehen. Dunkel  entsann ich mich, dass ich in einem esoterischen Laden einmal vor Regal mit der Aufschrift OKKULTISMUS gestanden hatte. Hatte ich etwas damit zu tun?Vielleicht sollte ich zurückbleiben und nachfragen!?

  Aber dann sah ich, dass sich um den Pastor herum schon eine Traube von Menschen gebildet hatte. Plötzlich fiel mir ein Satz aus der Predigt des Pastors ein: "Wenn du ein Kind Gottes geworden bist, dann kannst du mit jedem Anliegen zu Jesus kommen. Er hört es und hilft."

   Warum eigentlich nicht?, dachte ich.  Und ich betete leise: " Jesus, ich werde jetzt in die Teestube gehen. Ich weiß nicht, ob ich etwas mit Okkultismus zu tun habe. Wenn ja, möge jemand in der Teestube davon zu sprechen beginnen. Dies wird mir dann ein Zeichen sein!"
  Wenig später betrat ich die Teestube. Sie war noch ziemlich leer. Die meisten Besucher des Gottesdienstes zogen es offensichtlich vor, sich anderswo im  Gebäude aufzuhalten oder waren schon gegangen. Ich holte mir  erst einmal einen Tee und harrte am Ausschank der kommenden Dinge.


   

                                           Die Erleuchtung

 

Es dauerte  nicht lange, bis ein junger Mann hereinkam. Er blickte sich kurz um und ging dann freudig auf die junge Frau am Ausschank zu: "Hallo Silke, schön dich zu sehen." Silke lächelte zurück:" Uli, du hier im Düsseldorf. Missioniert ihr jetzt hier auf dem Kirchentag?"

     "Ja, wir sind im Goethegymnasium untergebracht. Jeden Tag Aktionen in der Stadt. Das schlaucht ganz schön! Gibst du mir einen schwarzen Tee?" Sie schenkte dampfenden Tee in eine Tasse und reichte sie ihm: "Bist du nicht gerade im Ausland gewesen? Ich meine so etwas im neusten Mission aktuell gelesen zu haben. Oder Thomas hat mir es erzählt. Ich erinnere mich nicht mehr so genau!"

   "Ja, stimmt", entgegnete Uli, "wir waren vor kurzem mit Jugend mit einer Mission in Ägypten ". Silkes Augen weiteten sich: "Ägypten! Das hört sich ja toll an!? "Na ja, ich weiß nicht." Uli blickte etwas skeptisch drein, "missionarisch gesehen ist das ein total harter Boden. Einmal kamen wir in einen Raum rein, da konnte man ganz klar die okkulten Mächte spüren..." Weiter kam er nicht, denn das Stichwort war gefallen und ich schaltete mich ins Gespräch ein: "Entschuldigt, wenn ich euch unterbreche, aber was bedeutet okkulte Mächte?"   

   Sie blickten mich beide irritiert an. Dann fragte er: "Warum willst du das denn wissen? Bist du ein Christ?" Stolz antwortete ich: "Ja, vor einigen Stunde bin ich einer geworden! Der Pastor sprach vorhin von Okkultismus ... Ich weiß nicht, ob ich etwas damit zu tun habe!?"

 

Ein neuer Gast wollte einen Tee und Uli wandte sich mir nun seine ganze Aufmerksamkeit zu. Ich erzählte ihm nun grob von meinen esoterischen Erfahrungen in den zurückliegenden Monaten. Als ich das Schreiben mit dem Tischchen  erwähnte, unterbrach er mich: "Das ist schwarze Magie. Das gehört eindeutig in den Bereich des Okkultismus".

     Nun geriet in helle Aufregung. Hatte ich es doch geahnt, dass damit etwas nicht stimmte! Aber Uli sprach schon weiter: "Weißt du, ich bin da eigentlich der falsche Gesprächspartner für dich. Da vorne", er zeigte auf einen Mann mittleren Alters im hinteren Bereich der inzwischen gut gefüllten Teestube,  "sitzt der Mike. Er hat früher sich selbst mit solchen Dingen beschäftigt. Mit dem solltest du einmal darüber reden. Komm, ich stell dich ihm vor!"

Wir gingen hinüber zu jenem Mike. Nach einer kurzen Begrüßung und ein paar erklärenden Worten von  Uli bot er mir den Stuhl neben sich an. Er war ein etwa 40 jähriger Mann und mir auf Anhieb sympathisch.Ich setzte mich und begann in geraffter Form von meinen esoterischen und okkulten Erfahrungen zu erzählen.
   Mike hatte ruhig zugehört und als ich geendet hatte, sagte er: "Tja, da bist du in eine üble Sache hineingeraten. Das schreibende Tischchen  ist eine Form des Spiritismus…Schwarze Magie! Ich selber habe mich mehr mir weißer Magie beschäftigt, aber im Grunde entspringt beides aus der gleichen  Quelle. Du hattest es mit Dämonen, mit bösen Geistern zu tun."

    Er hatte es kaum ausgesprochen, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ein riesiger Kronleuchter ging in meinem Kopf an und mit einem Mal begriff ich alle Ungereimtheiten der letzten Tage. Ich war nicht mit meinen verstorbenen Verwandten, sondern mit bösen Geistern in Kontakt gewesen.
   Für einen Moment fuhr mir der Schreck in alle Glieder. Ich sagte laut: „Das gibt es doch nicht!“ Mike nickte verständnisvoll: „Doch, das gibt es! Der Teufel ist recht listig im Fallenstellen!“ Dann aber lachte er: “Aber jetzt bist du auf der sicheren Seite. Ein Jünger Jesu!“

Die Erkenntnis, in den zurückliegenden Monaten einen jenseitigen Kontakt mit bösen Geistern gehabt zu haben, war ziemlich schockierend und ernüchternd für mich.
  Ich war wirklich ohne jeden Zweifel überzeugt gewesen, dass ich es mit meinen geliebten verstorbenen Verwandten zu tun gehabt hatte. Wie hatte ich mich nur so irren können?

   "... muss etwas geschehen!"  hörte ich Mike sagen. Erst jetzt merkte ich, dass ich ihm gar nicht mehr zugehört hatte. Ich war tief in meine eigenen Gedankenwelt abgedriftet. “Ja, was denn?", fragte ich leicht verwirrt nach. "Diese Geister sind mit Sicherheit noch in deiner Wohnung. Die müssen da rausgebetet werden. Am besten wir fahren gleich hin und führen diese Säuberung durch", schlug er vor.  

    Die Geister waren also noch in meiner Wohnung. Na klar! Warum sollten sie auch gegangen sein!? Ohne weiter darüber nachzudenken stimmte ich zu: „Gut ich bin einverstanden!“

              

           
                                             Eine beängstigende Nacht

Etwa zehn Minuten später saßen wir zu dritt in Ulis Auto und fuhren in Richtung meiner Wohnung. Als wir am Haus eintrafen, war bis auf das Licht am Eingangsbereich alles dunkel. Meine Vermieter scheinen schon zu schlafen, stellte ich erleichtert fest. Eine Sorge weniger! Sie mussten ja nicht unbedingt etwas von der Geisteraustreibung mitbekommen.
  
Auf der Fahrt hatten die Beiden mir kurz erklärt, was sie zu tun beabsichtigten.. "Wir werden den Geistern im Namen Jesu gebieten, deine Wohnung für immer zu verlassen. Laut Bibel haben wir als Jünger Jesu die Vollmacht dazu", erklärte Mike.
   Ein bisschen mulmig war mir  schon, aber Mike und Uli schienen sich ihrer Sache recht sicher zu sein: "Mach dir keine Sorgen! Es wird schon alles gut gehen. Da wir im Namen Jesu handeln, können uns die Geister nichts anhaben!"

    Leise schlichen wir an der Wohnung meiner Vermieter vorbei und gingen Treppe hinauf zu meiner Wohnung im ersten Stock. "Wohnt hier noch jemand im Haus?" fragte Uli und wies auf die weiter nach oben führende Treppe.

Ich schüttelte den Kopf. "Es gibt noch eine kleine Mansardenwohnung, aber die ist zur Zeit nicht vermietet." Ich schloss die Wohnungstüre auf und wir traten ein.

   Sofort blickte ich mich in der Wohnung um und stellte erleichtert fest, dass alles wie gewohnt an seinem Platze war. Es hatte sich also während meiner Abwesenheit kein weiterer Geisterspuk ereignet. "Gut", sagte Mike zu Uli, "dann lass uns beginnen!" Uli nickte kurz und  beide begannen leise betend in der Wohnung umherzugehen.

 

Nach etwa ein er Minute begannen sie dann lauter in den Raum hinein zu sprechen: "Im Namen befehlen wir jedem fremden Geist die Räumlichkeiten und das Haus augenblicklich zu verlassen. Weichet im Name Jesu!"

Dieser Befehl wurde mehrfach und nun doch in einer Lautstärke wiederholt, der mich leicht beunruhigt an meine Vermieter denken ließ. Ach, egal! dachte ich, wenn sie davon wach werden, kann ich es auch nicht ändern! 

   "Wir erklären euch im Namen Jesu, dass ihr jegliches Anrecht auf Heiner verloren habt", hörte ich Uli sagen. Er hielt sich gerade in der Nähe des Küchentisches auf, wo ich zumeist meine spiritistischen Sitzungen abgehalten hatte.“

  Er ist jetzt ein Kind Gottes!  Im Namen Jesu verbieten wir euch jede weiteren zukünftigen Aufenthalt in dieser Wohnung!", fügte Mike hinzu. Dann beteten beide wieder leise, bis Mike plötzlich sagte: "Ich glaube, es reicht! Die Wohnung ist jetzt wieder frei von Geistern!"

 

Nach einem kurzen gemeinsamen Dankgebet fragte Mike mich plötzlich: "Sag mal, Heiner, was ist eigentlich mit den die Sachen, mit denen du den Spiritismus betrieben hast? Könnten wir die mal sehen?"

   Ich holte das kleine Tischchen und die beschriebenen Papierbögen aus meinem Schrank hervor, und platzierte alles auf dem Wohnzimmertisch. Uli staunte nicht schlecht: "So viel haben die geschrieben. Mein Gott...!"

 "Du hattest doch auch von esoterischen Büchern gesprochen“, forschte Mike nach. „Ah ja,“ sagte ich und befand mich schon wieder auf dem Weg zu meinem Schrank. Wenig später lagen auch diese Bücher auf dem Tisch. "Weißt du was", sagte Mike, " der ganze Kram sollte hier aus der Wohnung verschwinden. Wenn du einverstanden bist, nehmen wir alles mit und entsorgen es."

 

Als wenig später alles in zwei blauen Müllsäcken verstaut war, drängte Uli zum Aufbruch: " Es ist schon spät und wir haben morgen einen anstrengenden Tag vor uns! Also, Heiner, mach es gut. Es war nett, dich kennen gelernt zu haben!"

    Ich schaute ihn erschrocken an und sagte dann spontan: „Ich kann heute Nacht nicht hier übernachten!“ Beide schauten mich überrascht an. „Aber die Geister sind doch fort!“, meinte Mike. „Du brauchst keine Angst mehr zu haben.“

   „Trotzdem,“ beharrte ich, „ich kann heute Nacht nicht hier bleiben. Kann ich nicht bei euch im Goethegymnasium übernachten. Beide schauten sich kurz an, dann meinte Mike: „Hast du einen Schlafsack und eine Isomatte?“ Ich nickte und er sagte: „Gut, einverstanden! Aber beeil dich, wir wollen los!" Ich war erleichtert und begann meine Sachen zu packen.

Wenig später saßen wir wieder im Wagen und fuhren Richtung Innenstadt, mit einem Schlafsack, einer Isomatte, einer kleinen Sporttasche und zwei blauen Müllsäcken im Kofferraum.

    Als wir etwa gegen 1 Uhr im Goethegymnasium, dem Nachtquartier von Uli und Mike  ankamen, war es still und dunkel im Schulgebäude. "Du schläfst am besten bei uns im Leiterzimmer", meinte Mike.  
   Im zweiten Stockwerk am Ende eines Ganges stoppten die Beiden
plötzlich und vor einer eine Türe "So, jetzt ganz leise. Die Anderen schlafen bestimmt schon alle. Such dir einen freien Platz und leg dich dann dorthin", sagte Uli. Dann öffnete er die Türe und wir schlichen in den Raum hinein.

 

Im Mondlicht konnte man verschiedene Einzelheiten gut erkennen. Über den ganzen Raum verteilt lagen Menschen in Schlafsäcken. Hier und da vernahm man ruhiges, tiefes Atmen. Jemand drehte sich auf die andere Seite.

   Ich platzierte mich mit Schlafsack und Isomatte fast genau in der Mitte des Raumes. Gerade als ich in meinen Schlafsack schlüpfen wollte, sah ich ganz in meiner Nähe einen Mann halb aufgerichtet in seinem Schlafsack sitzen. Er starrte mich leicht irritiert an.

   "Hallo", grüßte ich leise hinüber." Ich bin mit Mike und Uli gekommen". Er schien einen Moment nachzudenken, dann sagte er: " Welcome! Have a nice sleep!" und verschwand wieder in seinem Schlafsack.

    Erst jetzt merkte ich, dass ich kein Kopfkissen mitgenommen hatte. Ich nahm die mitgenommenen T-shirts und ein Handtuch aus meiner Sporttasche heraus und bastelte mir  ein provisorisches Kopfkissen. Das war nicht optimal, aber besser als gar nichts. Endlich hinlegen!, dachte ich erschöpft. Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann war ich eingeschlafen.


Plötzlich, mitten in der Nacht, wachte ich auf und war mit einem Schlage hellwach. In der Magengegend verspürte ich ein mulmiges Gefühl. Irgendetwas schien nicht zu stimmen.

  Vorsichtig schaute ich mich im Klassenraum um. Nichts hatte sich verändert. Alles war noch wie beim Einschlafen, lediglich der Mond war etwas weitergewandert. Er schien jetzt nur noch in die vordere Hälfte des Raumes.

   Gerade als ich mich wieder in meinen Schlafsack einrollen wollte, vernahm ich plötzlich eine leise Stimme in meinem Ohr: " Steh auf!" Die Stimme war nicht akustischer Natur, aber trotzdem klar vernehmbar gewesen.

    Irritiert kroch ich aus meinem Schlafsack und stand nun mitten im Raum. "Geh auf die Toilette!" vernahm ich erneut die Stimme in meinem Ohr. Und so ging ich leise hinaus auf den Gang und versuchte mich erst einmal zu orientieren. Auf die Toilette! Aber wo war die? Ich entschied mich für den kurzen Gang direkt vor mir. Und tatsächlich, als ich um die Ecke bog, sah ich dann zwei Toilettentüren. Ich öffnete die mit der Aufschrift „Jungen“.

   Es war ein übliche Schultoilette und außer mir niemand schien anwesend zu sein. Ich begann mich schon zu fragen, was ich hier jetzt sollte,  als ich die Stimme  sagen hörte: "Dreh dich um!" Gehorsam drehte ich mich langsam um und schaute auf die direkt vor mir stehende Wand.

 

Es traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Fassungslos starrte ich die Wand an. Wie war das möglich? In Augenhöhe stand mit dickem, schwarzem Filzstift geschrieben:

Willi grüßt dich!

    So viele Mal hatte ich diesen Satz in den zurückliegenden Wochen gelesen. Fast jedes Mal zu Beginn oder am Ende einer Sitzung mit meinen „Verwandten“. Ich rang eine aufkommende Panik nieder, verließ ruhigen Schrittes die Toilette und ging wieder zurück in das Schulzimmer. Was soll ich jetzt tun?, fuhr es mir durch den Kopf

                                                        

Ich lag mit im Nacken verschränkten  Armen in meinem Schlafsack  und versuchte nachzudenken. Wie war die Schrift an die Wand gekommen?  Ist das nur der zufällige Klospruch eines Schülers, den die Geister jetzt benutzt haben? Oder haben sie es selber dort dran geschrieben?

   Mein Blick war schon eine Zeitlang auf die mondbeschienene Wand mit der großen Schultafel gerichtet gewesen. Aber es war eher ein leerer Blick gewesen. Auf einmal begann ich sie genauer zu betrachten. Bevor ich sie plötzlich mit Entsetzen anstarrte. War das möglich? Oder litt ich vielleicht schon an Wahnvorstellungen? Dort vorne an der Wand waren die Schatten von Fensterbalken abgebildet und das Wort tot war deutlich zu lesen.  Ich spürte Grauen in mir aufsteigen  und ich sprang aus meinem Schlafsack. Dann ging ich hinüber zu Mike und weckte ihn.

                                      
Mike kannte ja halbwegs meine Vorgeschichte und so brauchte ich
nicht viel zu erklären. Ich zeigte ihm erst das Wort "tot" an der Wand und führte ich ihn in der Toilette. Dort zeigte ihm das "Willi grüßt dich" und erklärte ihm in kurzen Worten den Zusammenhang. Als ich fertig war, nickte er kurz und sagte dann:" Komm, lass uns beten!"

   Und so stellten wir uns auf dem Gang in eine Fensterecke und Mike begann zu beten: "Herr Jesus, wir verstehen nicht, wie die Geister dies bewerkstelligt haben. Aber dies ist auch egal! Wir möchten dich bitten, dass DU diesem Spuk ein Ende bereitest. Schenke bitte Heiner einen guten ungestörten Schlaf. Amen!" "Amen!" schloss ich mich an.

   Zurück im Klassenzimmer sagte ich zu Mike: „Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen."  „Schon gut," meinte er, " das war richtig! Und nun leg dich hin. Der Spuk ist vorbei. Du wirst jetzt gut schlafen können." Und so war es dann auch.

                   

                        

                                                                            Gute Neuigkeiten

 

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fühlte ich mich einigermaßen erholt. Die meisten waren schon aufgestanden und immer wieder verschwanden einige mit Handtuch und Kulturbeutel vermutlich in Richtung des Wasch- und Duschraumes.

    Mike kam, schon komplett angezogen, zu mir herüber. "Guten Morgen, Heiner!  Na, wie hast du geschlafen?", wollte er wissen.  "Ja, ganz gut! Das Gebet hat geholfen!" entgegnete ich. Er wechselte das Thema: "Weißt du schon, was du heute machen willst?"

    Ich dachte kurz nach: "Nein, ich habe eigentlich keinen Plan!" "Wie sieht es mit Frühstücken aus? Du könntest mit Uli und mir ins Jesushaus fahren. Dort ist ein Frühstückstisch für uns Leiter aufgebaut. Das ist sicher kein Problem, wenn du noch dazukommst" schlug er vor. "Keine schlechte Idee!", stimmte ich zu und so machten wir uns wenig später zu dritt auf den Weg ins Jesushaus.

 

Wie Mike gesagt hatte war hier ein reichhaltiges Frühstücksbüfett aufgebaut worden. Ich packte mir einige Sachen auf einen Teller, nahm mir einen Kaffee dazu und  suchte mir einen Sitzplatz.

    Ich hatte gehofft, noch mich ein wenig mit Mike und Uli unterhalten zu können, aber sie waren gedanklich schon bei der Planung ihren bevorstehenden missionarischen Einsätzen im Stadtgebiet. Sie wollten an verschiedenen Plätzen in der Stadt mit ihren jugendlichen Gruppen kleine Theaterstücke aufführen und anschließend öffentlich predigen. "Du kannst gerne mitkommen," meinte Uli zu mir, "aber wir können uns da nicht groß um dich kümmern.“

    Als er sah, dass ich ein wenig unschlüssig war, meinte er: „Aber du könntest auch hier im Jesushaus bleiben. Es finden den ganzen Tag über Veranstaltungen statt. Vielleicht etwas nützlich machen und auch den ein oder anderen kennen lernen." Und so blieb ich erst einmal im Jesushaus.
                               

Die nächsten beide Tage verbrachte ich hauptsächlich dort. Nur zum Schlafen begab ich mich nachts ins Goethegymnasium. Es waren zwei Tage prall gefüllt mit Erlebnissen und Begegnungen. Aber dann am Sonntagmittag endete der Kirchentag. Es lagen fünf Tage hinter mir, die mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hatten. Ich war in tiefes, schäumendes Gewässer geraten und hatte um mein Leben gefürchtet, als mich plötzlich eine große starke Hand ergriff. Sie zog mich aus tobenden, tosenden Wasser heraus und trug mich ans Land. Ich war in Sicherheit! Gott sei Dank! Niemals würde ich diese fünf Tage vergessen. Sie teilten mein Leben von nun an in ein Vorher und ein Danach!

Nachdem ich mich von Mike und Uli verabschiedet hatte, fuhr ich mit meinem Fahrrad nach Hause.  Auf der Treppe zu meiner Wohnung wurde es mir doch noch einmal etwas mulmig. Aber dann schloss ich einfach die Wohnungstüre auf und ging hinein.

    Drinnen war alles ruhig und völlig normal. Alles war im gewohnten Zustand und es herrschte auch keine bedrückende Atmosphäre. Langsam entspannte ich mich wieder und stellte meine Sachen auf den Boden ab.Dann legte ich mich auf das Sofa und begann zu dösen.

     So mochte ich vielleicht zwei Minuten gelegen haben, als es plötzlich schellte. Ich fuhr hoch! Wer kann das denn sein?  schoss es mir durch den Kopf. Ohne noch weiter darüber nachzudenken stand ich auf und betätigte den Türsummer. Die Eingangstüre wurde aufgedrückt und jemand kam dieTreppe hoch.

    Ich öffnete die Wohnungstüre. Vor mir stand mit weißer Hose und einem kurzärmeligen lila Hemd, also in den Farben des Kirchentages, ... JÜRGEN! Er grinste mich an: "Na, was machst du denn für ein Gesicht! Hast du ein Gespenst gesehen?" Jürgen! Ihn hatte ich ja in all dem Trubel der letzten Tage vollständig vergessen. Er lebte. Gott sei Dank! Die Geister hatten also gelogen! Jetzt grinste ich auch: "Komm rein! Es gibt gute Neuigkeiten!"

                                                  ENDE

 

P..s.   Bitte nicht irritieren lassen, dass die Überschrift in der Pdf-version "Auf des Messers Schneide" lautet. Ich verwende beide Titel ...